Gemeinsam Zeichen setzen

Liebe Leserin, lieber Leser,


als ich letztens las, dass dieser abscheuliche Krieg nun schon über einhundert Tage andauert, wartete ich auf das Gefühl der Überraschung. Darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf sagt: „Was, schon so lange?“

Tatsächlich aber habe ich nichts dergleichen gespürt. Ich war nur traurig. Traurig darüber, dass dieser Wahnsinn noch immer kein Ende genommen hat. Darüber, dass Zerstörung, Lügen und Mord weitergehen und scheinbar keine Ende in Sicht ist. Denn das Fatale an Konflikten ist, dass sie nicht besser werden, je länger sie andauern. Sie werden schlimmer. Die Fronten verhärten sich, die Gräben werden tiefer, Wut und Hass größer.


Zugleich mehren sich die Berichte. Nicht nur vom Krieg an sich, sondern auch von den Geschichten hinter den Gewehrläufen und Kanonenrohren. Berichte von den Menschen, die die Waffen tragen, von den Menschen zuhause in den jeweiligen Ländern, vom Nutzen und der Nutzlosigkeit dieser oder jener Aktion und Reaktion. Experten und Psychologen treten sich aufgeregt gegenseitig auf die Füße, während sie um die Wette analysieren und debattieren.

Was mir dabei mit Erschrecken auffiel, ist der Umstand, dass das Lagerdenken zwischen „wir“ und „die“ bei all dem immer weiter zunimmt. Vor über dreißig Jahren fiel die Mauer in Berlin, aber die Mauer in den Köpfen mussten wir seitdem Stück für Stück abtragen. Nun scheint es, als würden all die Steine einer nach dem anderen wieder an ihren Platz gesetzt, während wir nur ohnmächtig daneben stehen und zusehen können.


Ich persönlich habe nie zu hoffen gewagt, dass dieser Irrsinn des russischen Führers so schnell beendet werden kann, wie er begann. Mächtige Männer der Gewalt klammern sich mit aller Gewalt an ihre Macht.

Wohl aber habe ich gehofft, dass die kleinen Siege der letzten dreißig Jahre Früchte tragen, von denen jene, die wie ich keine Linie zwischen Ost und West ziehen können und wollen, zehren können. Doch es schien, als würden diese zarten Blüten unsichtbar vorm tristen Grau des Krieges.


Aber dann …


Erst gestern fiel mir, als ich ein wenig meinen Bücherschrank umsortierte, ein Buch ins Auge, das ich zuletzt vor einigen Jahren gelesen hatte: Es war Metro 2033 von Dmitry Glukhovsky. Ich hielt dieses Buch mit dem schwarz-roten Einband in Händen und verspürte erneut die Traurigkeit wie kurz zuvor am Tag 100. Das lag gar nicht unbedingt am Inhalt des Buches, das von einer postapokalyptischen Gesellschaft erzählt, die nach einem verheerenden Atomkrieg in den Tunneln der Metro überlebt – obwohl es mich durchaus erschaudern lässt, wie nah die Wirklichkeit zuletzt der Fiktion rückte.

Nein, der Grund für meine Traurigkeit war der Gedanke, dass Tyrannei und Wahnsinn eines einzelnen Mannes seit etwas über einhundert Tagen selbst die Kunst zu beherrschen drohen. Dass mein erster Gedanke, als ich dieses packende Buch wieder in Händen hielt, war: „Ein russischer Autor.“


Dann las ich heute die Meldung, dass eben dieser Dmitry Glukhovsky nicht mehr in sein Heimatland zurückkehren kann, da er dort nun aufgrund seiner kritischen Aussagen zur Fahndung ausgeschrieben ist (hier gibt's ein Interview mit dem rnd). Diese Meldung erschreckte mich nicht weniger als so viele andere in den letzten Wochen, doch sie gab mir auch Hoffnung. Denn in der drückenden Gegenwart dieses länger und länger andauernden Krieges zeigte sie mir, dass auch ich langsam blind und taub geworden war – dumpf von dem alltäglichen Schrecken, über den ich ja doch nur in den Zeitungen lese.



Ich hatte die kleinen Lichtstrahlen nicht mehr sehen können, die durch die tiefschwarzen Wolken brechen: Dass es eben doch noch Menschen wie mich gibt, die zwischen dem russischen Führer und dem russischen Volk unterscheiden wollen. Dass es eben doch noch Menschen wie mich gibt, die keinen Graben und keine Mauer zwischen den Völkern wollen, nur weil einzelne Wahnsinnige sich als ihre Repräsentanten aufspielen und jene blenden, die ihnen vertrauen.


Ich muss zugeben, dass mich persönliche Umstände in den letzten Monaten stark beanspruchten, was auch ein Grund für die Stille auf dieser Website und in anderen Medien ist. Das Skrypteum musste sich anderen persönlichen Belangen unterordnen, und auch wenn dieses zeitweilige Auf-Eis-Legen notwendig und geplant war, so hinderte es mich nichtsdestotrotz bislang daran, das Richtige zu tun.


Die Eiszeit ist jetzt vorbei! Und das bedeutet nicht nur mehr Zeit für kreative Projekte, es bedeutet auch mehr Zeit für die zum Teil anstrengende Arbeit drumherum. Zu diesem manchmal erdrückenden Aufgabenwust wird sich nun noch ein weiteres Projekt gesellen, nämlich die penible Überprüfung meiner Kontakte und Quellen.

Vor drei Monaten erklärte ich, als Ausdruck meines Protestes gegen den Krieg gegen die Ukraine die Zusammenarbeit mit russischen Künstlerinnen und Künstlern vorerst einzustellen. Um keinen Preis wollte ich dieses tyrannische und gewalttätige Regime im wunderschönen Kreml unterstützen, nicht einmal indirekt.

Von jetzt an wird diese stillgelegte Arbeit aber wieder aufgenommen, jedenfalls mit all jenen russischen Künstlerinnen und Künstlern, die für Frieden, Freiheit und Verantwortung einstehen und gegen Tyrannei, Wahnsinn und Krieg. Es wird vielleicht nicht immer leicht, die „schwarzen Schafe“ herauszufiltern, die ihr wahres Gesicht hinter Masken verstecken. Aber ich werde mein Bestes geben – jetzt habe ich wieder die Zeit und die Kraft, diesen Aufwand auf mich zu nehmen.


Denn in den letzten hundert Tagen ist mir eins klargeworden:

Die Menschlichkeit können wir uns nur bewahren, wenn wir für etwas kämpfen, und nicht gegen etwas. Und das tun wir am besten gemeinsam!