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Unverkäufliche Leseprobe aus:

Kristofer Hellmann

Die Silberne Stadt

Band 3 der Zeitenstrahl-Saga

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar.

Prolog

 

Langsam und vorsichtig öffnete Adogen seine Augen. Das gleißende Licht der Sonne direkt über ihm rammte ihm sengende Speere in den Schädel und rang ihm ein schmerzverzerrtes Stöhnen ab. Sein Kopf dröhnte wie nach einer durchzechten Nacht. Prüfend tastete er über den Boden. Er lag auf einer Wiese, das Gras war gerade so lang, dass sich seine Finger darin verkrampfen konnten, als eine erneute Welle der Kopfschmerzen über ihn hinwegrollte.

Was ist nur geschehen? Allein diesen Gedanken zu formen bereitete ihm Schmerzen, als würden diese vier Wörter nicht mehr in seinen Kopf passen.

Undeutlich kroch die Erinnerung in ihm hoch. Da war eine Festung, eine alte Burg. Ein Bergfried und eine umgebende Mauer, mehr nicht. Er hatte diese Burg mit einer Handvoll Graumänteln an seiner Seite verteidigen sollen. Da waren noch andere Krieger, doch die hatten ihn schon damals nicht interessiert. Keiner von ihnen würde an einen Graumantel heranreichen können.

Wie hieß diese Festung noch gleich? Adogen gab es schnell auf, über den Namen der Burg oder ihres Besitzers nachzugrübeln. Es gab so viele von dieser Sorte in Nyss und am Ende interessierte es doch keinen. Noch dazu kamen und gingen sie schneller als die Gezeiten.

Adogen schloss die Augen und kämpfte gegen den Schmerz in seinem Kopf an.

Wenn ich nun hier liege, kämpfte er sich langsam durch die glühend heiße, zähe Masse in seinem Kopf zu den Gedanken durch, kann das doch nur eines bedeuten.

Langsam, mit geschlossenen Augen, ballte er seine rechte Faust, streckte Zeige- und Mittelfinger und reckte den Arm in den Himmel. Er blinzelte, wehrte sich gegen den Kopfschmerz und zwang seine Augen schließlich ganz auf. Verträumt beobachtete er, wie das Licht der Sonne seine ausgestreckten Finger verschwinden ließ.

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht.

Unwillkürlich dachte er daran, wie ein Beobachter ihn nun sehen musste. Wie ein hirnloser Narr muss ich aussehen oder wie ein Kätzchen, das mit einem Wollfaden spielt. Und für einen Moment war es ihm peinlich.

Doch nur für einen kurzen Moment. Dann wurde ihm wieder bewusst, was dieser Anblick bedeutete. Was er wirklich bedeutete.

Noch immer betrachtete er seine Finger.

Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

Die Schlacht war verloren, doch das war egal.

13. Ilathello 2Ä2011

Heimat

 

Sein Puls raste, die kühle Luft brannte in seinen Lungen. Isenth wich einen Schritt zurück und der Hieb verfehlte sein Ziel. Dennoch konnte er den Luftzug der Klinge auf seinem Gesicht spüren. Mit der Geübtheit jahrhundertelangen Trainings drehte er sich um die eigene Achse und ließ seine Klinge hochschnellen. Er spürte den Treffer seinen gesamten Arm emporvibrieren.

Sein Gegner hatte den Schlag mühelos pariert und stieß den Tiefelda nun von sich. Isenth hörte seine eigenen Schritte von den Wänden der Häuser widerhallen, während er versuchte, das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Die geschlossenen Fenster und Türen starrten ihm hinterher.

Eine gefühlte Ewigkeit verging, während er darauf wartete, dass sein Gegner nachsetzte.

Doch nichts geschah.

Schließlich korrigierte Isenth noch einmal den Griff um sein Schwert, ehe er selbst nach vorn sprang. Die Klingen der Tiefelda waren uralt, geschmiedet und im Kampf getragen von den Amariten, die auch Álimos einst erbauten. Sie hatten diese weißen Häuser lange Jahre bewohnt, doch nun war nichts mehr übrig außer ihren Waffen, Rüstungen, Staub und Knochen.

Obwohl die Amariten keine Elda waren, war ihre Schmiedekunst der Glorindas mindestens ebenbürtig. Und die Schwerter sahen sich sogar ähnlich, auch Isenth‘ Thao, wie diese Klingen genannt wurden, war leicht gebogen. Doch war bei ihr der Ort, die Spitze, wesentlich breiter. Das Thao war eine Schlagwaffe und dann besonders tödlich, wenn es vom Rücken eines Pferdes aus geschwungen wurde.

Isenth saß nicht auf einem Pferd. Und er schwang das Thao auch nicht. Er stieß zu und er wusste, dass er seinen Gegner damit überraschen würde. Er zielte auf den Hals. Dabei vermied er es, sich durch ein scharfes Luftholen, ein Grunzen oder irgendeinen anderen Laut zu verraten.

Er wird diesen Treffer nicht erahnen können, dachte er. Es würde ein sauberer Treffer werden, elegant und präzise. Und absolut tödlich.

Die Klinge hatte ihr Ziel fast erreicht, als sein Gegner sich plötzlich duckte. Sehr tief duckte.  Er rammte Isenth, der sich noch immer im Sprung befand, die Schulter gegen Hüfte und Oberschenkel.

Er hat es gewusst, wurde dem Tiefelda klar, während er über seinen Gegner hinweg stürzte und sich zu überschlagen drohte. Er hat gewusst, dass ich auf ihn zuspringen würde.

Die Welt drehte sich um ihn herum, die weißen, zinnengekrönten Häuser wirbelten im Kreis, bis er schließlich hart auf das weiße Pflaster prallte.

Noch während er atemlos versuchte, sich aufzurichten, bemerkte Isenth einen schmalen Schnitt, der sein Gewand direkt über der Brust zierte. Mit einem Lächeln ließ er sich zurücksinken und genoss die Kälte des Straßenpflasters, die durch seine Trainingskleidung hindurch seinen Körper kühlte.

»Ihr wart heute langsamer als sonst, Golodrim«, brachte er schwer atmend hervor.

Er kämpfte sich auf die Beine, las sein Schwert auf und schob es zurück in die Scheide. Dabei lächelte er noch immer.

Golodrim hatte sein Schwert gesenkt, starrte mit verschlossenem Gesicht auf einen Punkt irgendwo weit in der Ferne und sagte noch immer kein Wort. Er sah aus, als sei er derjenige, der den Übungskampf gerade verloren hatte.

Dabei war es mehr als erstaunlich, dass er trotz seiner Blindheit noch immer ein derart brillanter Schwertkämpfer war. Selbst jetzt noch würde er keinen Kampf scheuen müssen. Doch Isenth wusste – im Gegensatz zu den meisten anderen – auch, dass Golodrims Fähigkeiten stark abgenommen hatten. Sicher, er war noch immer gut, doch vorher, vor dem Verlust seines Augenlichtes, war er noch besser gewesen. Wie genau er sich jetzt in der Welt zurechtfand, darüber schwieg er sich aus. Er trug keinen Stab bei sich, verließ er sich also wirklich nur auf seine Ohren? Oder war das Teil des Instinktes, den jahrhundertelanges Schwertkampftraining gebildet hatte?

Isenth schreckte aus seinen Gedanken, als Golodrim sich ohne ein Wort umdrehte und mit immer noch finsterer Miene den Platz verließ.

»Worüber grübelt Ihr nach?«, rief Isenth ihm noch hinterher, doch der ehemalige Hauptmann der Truppen König Ainus antwortete nicht.

Er sieht das Leben mit uns noch immer als Strafe, dachte der Tiefelda. Er versteht nicht, an was für einen Ort er ist und was wir hier tun. Doch vielleicht würde er das irgendwann, wenn Isenth nur genug Geduld hatte.

Zeit ist für Laimori bedeutungslos. Sein Lächeln schwand etwas, während er sich seinen Weg durch die engstehenden Häuser Álimos' suchte.

 

Burg Hochstolz. Das war ihr Name. Eine Zitadelle im Westen Nyss', nur wenige Stunden Fußmarsch von der Küste entfernt. Errichtet von irgendeinem König aus irgendeinem Grund. Dieser Grund war vermutlich irgendein Krieg gewesen. Zumindest diesen Zweck hatte sich Hochstolz erhalten. Wenn auch sonst nicht viel geblieben war.

Die Festung bestand aus einem massiven Bergfried, der sich drei Stockwerke hoch innerhalb einer Mauer erhob, die aus denselben Steinen errichtet worden war. Diese Steine stammten von irgendwo aus dem Landesinneren, vermutlich von den Quellbergen.

Hochstolz ist mit Steinen aus dem Herzen Nyss‘ errichtet, dachte Negius. Und mit Blut aus dem Herzen seiner Bewohner befleckt. Er kicherte über diesen poetischen Gedanken, verstummte jedoch jäh, als ihn der stechende Schmerz in seiner Seite in die Wirklichkeit zurückholte.

Vom Stolz war auf Hochstolz nicht viel geblieben. Der Boden war getränkt von Blut, das sich zwischen den Toten und Verwundeten in Pfützen sammelte, es stank nach Tod und Exkrementen und die Luft war erfüllt vom Summen der Fliegen, dem Krächzen der Raben und den Schreien der Menschen.

Negius blickte finster zum Bergfried hinüber. Das Tor stand offen und der Innenhof der Festung war so klein, dass es von der Mauer, an der Negius lehnte, kaum zweihundert Schritt bis dahin waren. Er könnte aufspringen und hätte den Hof halb durchquert, ehe die Krieger mit ihren Schwertern überhaupt begriffen, was geschah. Er könnte er schaffen, er könnte in den Bergfried eindringen und Machral töten. Und ohne einen Anführer, der sie befehligte und – noch viel wichtiger – bezahlte, würde keiner der Männer, die sich jetzt als Sieger feierten, das Schwert gegen ihn erheben. Nein, sie würden dem Geld folgen und ohne zu zögern überlaufen. Selbst jetzt noch.

Das einzige, was Negius von seinem Plan abhielt, waren das Gatter, in das er und einige andere Männer gesperrt waren, und die Fesseln an Händen und Füßen.

Er war ein Gefangener und seine Überlebenschancen würden deutlich höher sein, wenn er sich damit abfand.

Von der anderen Seite des Hofes hallte ein hölzernes Klopfen herüber, gefolgt von einem Schrei. Negius zuckte jedes Mal zusammen, bemerkte es jedoch kaum noch.

Er schielte an einem breitschultrigen Mann mit Breitschwert vorbei zu dem Hackblock. Dort stand ein noch breitschultrigerer Mann mit einer Axt in der Hand und einem Holzeimer neben dem Fuß. Gerade schleiften zwei weitere Kerle – Brüder, vermutete Negius – einen der erfolglosen Verteidiger davon. Nur wenige Augenblicke später wurde der nächste zum Richtblock geführt. Sein Vorgänger hatte geschrien und sich gewehrt, doch dieser war völlig ruhig.

So abstoßend dieses Schauspiel auch war, Negius konnte den Blick nicht abwenden. Er sah zu, wie der Gefangene, sein Kamerad, auf die Knie gezwängt wurde. Er starrte den Mann mit der Axt fest an.

»Die Zehn wird überschätzt, findest du nicht?«, fragte der Axtmann mit einem fiesen Grinsen, das seine braunen Zähne entblößte. »Es reicht, wenn man bis acht zählen kann.«

Bei diesen Worten befreiten die beiden Brüder die rechte Hand des Gefangenen aus der Fessel und drückten sie auf den blutverschmierten Hackblock. Eine Weile fummelten sie daran herum, dann blickten sie zu der Axt empor.

Negius sah, wie der Gefangene tief Luft holte.

Das schartige Blatt der Axt sauste hinab.

KLOCK

Kurz herrschte Stille, dann stieg ein Schrei zwischen den Mauern in die Höhe. Der Gefangene wand sich am Boden und hielt seine rechte Hand umklammert.

Der Hackblock war zu weit entfernt, als dass Negius es hätte erkennen können, doch er wusste, dass dort zwei Finger lagen.

Zum Glück bevorzuge ich das Schwert, dachte er,. Da sorgt die Axt dafür, dass es danach keine Schmerzen mehr gibt. Nie wieder.

Er sah sich in dem Pferch um. Die Männer waren mürrisch, niedergeschlagen, wütend, doch keiner hatte Angst. Wieso sollten sie auch, sie waren Söldner. Das bedeutete nicht, dass sie keine Angst kannten, es bedeutete nur, dass sie genug Erfahrung hatten, um zu wissen, wie der Ablauf war.

»He!«, rief Negius einem der Männern zu, die den Pferch bewachten, »He, du! Bring mich zu Machral.«

Der Mann starrte ihn einen Augenblick fassungslos an, dann verstärkte sich der Griff um den Speer, den er wie einen Spazierstock schwang.

»Erl Machral«, korrigierte er ihn, »Und du kannst mich.«

»Machral ist zum Erl aufgestiegen? Nein, wahrscheinlich nennt er sich bloß so.« In Nyss nannte sich jeder, der mindestens eine Burg besetzt hielt, Erl, wenn er nicht gleich ein König war.

»Und, tust du es?«, fragte Negius mit einer etwas freundlicheren Stimme.

»›Du kannst mich‹ bedeutet ›Nein‹.« Er setzte seinen Weg den Pferch entlang fort.

»Du solltest es aber tun!«, rief Negius ihm nach.

»Wenn du das sagst«, entgegnete die Wache über die Schulter.

»Mein Name«, brüllte er so laut, dass ihn jeder hören konnte, »ist Negius von den Waldschlangen.«

Der Mann hielt inne und einige weitere sahen sich zu ihm um. Er spürte auch die Blicke seiner Mitgefangenen in seinem Rücken. Erst jetzt fiel ihm ein, dass das vielleicht keine gute Idee war. Ein erfolgreicher Söldner zu sein bedeutet auch, ein hohes Kopfgeld zu haben.

Die Wache kam zurück und baute sich vor ihm auf. Mit dem Speer in der Hand und der Eisenrüstung wirkte dieser Krieger eher wie ein Kind, das man in eine Rüstung gesteckt hatte.

Negius' Blick fiel auf den zarten Flaum auf seinen Wangen. Es war ein Kind, das man in eine Rüstung gesteckt hatte! »Du bist Negius?«, fragte der Bengel misstrauisch.

Negius nickte und wischte sich etwas Dreck und Blut von der zerlumpten Kleidung, die man ihm gelassen hatte.

»Von den Waldschlangen?«

Er nickte erneut.

Der Junge blickte sich im Pferch um. »Und wo sind dann die anderen Waldschlangen?«

»Wir sind hier nicht im Wald, oder?«

»Wenn du wirklich der Anführer der Söldnerbande namens ›Die Waldschlangen‹ bist ...« Er wartete, bis Negius wieder nickte. »... dann«, fuhr er genüsslich fort, »sollten hier noch weitere Waldschlangen sein.«

Der Söldner seufzte. »Ich wollte damit nicht sagen, dass sie nicht hier sind, weil wir nicht in einem Wald sind«, erklärte er. »Natürlich sind sie mit mir hierher gekommen und haben hier gekämpft. Ich wollte damit auf unseren Ruf hindeuten, dass wir in unserem Wald unbesiegbar sind.« Den letzten Teil des Satzes sagte er so leise, dass nur der Bengel ihn verstehen konnte. Es musste ja nicht jeder von seiner Schande erfahren.

»Du meinst ...?«

Negius deutete auf verschiedene Stellen im Hof, an denen die Gefallenen in mehr oder weniger ordentlichen Reihen lagen. »Dort ist Marrat. Dort ist Herlf. Dort drüben liegen Jehwa, Hulod und Aharn. Und Pemenus liegt dort, dort und ich glaube auch dort hinten.«

Der Bengel war seinem Finger eifrig gefolgt und nickte jetzt langsam. Dann schien ihm etwas einzufallen und er wandte sich wieder zu seinem Gefangenen um. »Und was sollte Erl Machral von einem Söldneranführer ohne Söldner wollen?«

Ja, das ist die große Frage, und ich wünschte ich wüsste die Antwort, dachte er. »Das ist doch offensichtlich.«

Er wartete, bis der fragende Gesichtsausdruck des Bengels eine lächerliche Größe angenommen hatte. »Für dich sollte jedoch nur wichtig sein, wie wütend der große Erl werden wird, wenn er erfährt, dass du mich wissentlich von ihm ferngehalten hast.«

Der Junge überlegte einen Moment, dann sah er sich hilfesuchend nach seinen Kameraden um, die überall verstreut waren, um die eroberte Festung oder die Leichen der Gefallenen zu plündern.

»... und wie großzügig er sich gewiss zeigen wird, wenn du mich zu ihm bringst.«

Er schien den Wink zu verstehen und hörte auf, nach seinen Kameraden zu sehen.

Jeder Söldner ist ein gieriges Schwein, dachte Negius, während der Bengel sich an dem Tor des Pferchs zu schaffen machte. Aber wieso sagen das eigentlich alle so, als wäre es etwas Schlechtes?

Leider ließ der andere sich nicht erweichen, dem Anführer der Waldschlangen die Fesseln abzunehmen und so musste Negius den Weg zum Bergfried in winzigen Schritten zurücklegen, die ihn aussehen ließen, als würde er glänzendes Gold in seinem Hintern verstecken und hätte Angst, es könnte herausfallen.

Das ist es!

Im Bergfried war es finster, doch wenigstens stank es hier nicht so erbärmlich. Als das Tor gefallen war, hatte sich das gesamte Massaker im Innenhof und auf den Mauern abgespielt. Hochstolz war erobert worden, bevor auch nur ein Krieger einen Fuß hier hinein gesetzt hatte. Nun streiften die Plünderer umher, doch niemand behelligte Negius und seinen Wächter. Im Gegenteil, denn ein Mann, der einen Gefangenen herumführte, konnte ihnen keine Wertsachen vor der Nase wegstehlen.

Sie fanden Machral – Erl Machral – natürlich in der großen Halle des Bergfrieds, wo er sich jeden Winkel genauestens ansah, eine Handvoll Berater im Schlepptau. Zwei von ihnen kannte Negius sogar, er hatte sie einmal in irgendeiner Schlacht dieses endlosen Bürgerkriegs kämpfen sehen, konnte sich jedoch nicht an ihre Namen erinnern.

Der Bengel blieb in respektvollem Abstand zu der Gruppe stehen und stieß den Knauf seines Speeres hart auf den Steinboden.

Machral drehte sich um, sah zu dem Jungen, dann zum Knauf des Speeres und wieder zu dem Jungen.

»Ja?« Er war heiser, wahrscheinlich, weil er die vergangene Schlacht damit verbracht hatte, Befehle zu brüllen.

»Dieser Gefangene wünscht Euch zu sprechen!«, verkündete der Bengel.

Machral sah jetzt zum ersten Mal zu Negius und die Ablehnung lag ihm schon auf der Zunge, als er verwirrt innehielt.

»Dies ist Negius von ...«

»Ich weiß, wer das ist.« Er fixierte den Söldner mit eisigem Blick. »Lasst uns allein. Ihr alle.«

Seine Begleiter verschwanden ohne zu zögern und murmelten etwas von anderen Räumen, die sie begutachten würden. Der Bengel schien kurz auf seine Belohnung zu sprechen kommen zu wollen, überlegte es sich dann jedoch wieder anders und eilte ebenfalls hinaus.

»Was willst du?«, fragte Machral unumwunden.

»Ich will aus dieser Burg raus. Und zwar lebendig und frei.«

»Du weißt, dass man in diesen Tagen eine eroberte Festung nur äußerst selten auf eine dieser Arten verlässt.« Er grinste schief.

Negius erwiderte das Grinsen.

»Du hältst dich für unglaublich schlau«, stellte der selbsternannte Erl fest. »Merkwürdig, da ich derjenige bin, der diesem Narren Unario Burg Hochstolz soeben entriss. Und du bist nur jemand, der in Fesseln liegt.«

»Ich stehe«, widersprach Negius. »Und die Sache mit den Schwertern war nicht meine Idee. Die Waldschlangen starben mit Klingen in ihren Händen.«

»Und in Brust und Bauch.«

Negius schluckte seinen Zorn herunter. Es würde ihm nichts nutzen, sich jetzt mit seinem alten Bekannten anzulegen. Denn er hatte recht, Machral hatte eine Menge Krieger hinter sich, und auch wenn sie allesamt Söldner waren, so würden sie doch für ihn kämpfen. Negius hingegen hatte nur die Lumpen an seinem Körper und die Fesseln an seinen Gelenken.

Er seufzte und blickte sich in der Halle um. Sie war größtenteils leer. Wie alle Burgen Nyss' war auch Hochstolz im letzten Jahrhundert mehrfach geplündert worden.

»Du hast viele Söldner«, stellte er fest, als konnte er sie durch die grauen Steinwände sehen.

»Und du nicht.«

»Genau das ist der Punkt«, stellte Negius fest und hob bedeutend den Finger. Wegen der Fesseln war er dabei gezwungen, beide Hände zu heben. »Du hast Söldner, die du bezahlen musst, meine Männer hingegen haben ihren Lohn bereits erhalten.« Er lächelte.

»Worauf willst du hinaus?«

»Ich sage es dir ganz klar, so wie es ist: Ich will mich freikaufen.«

Machral umrundete ihn mit gemessenen Schritten und begutachtete ihn dabei wie eine Sau auf dem Wochenmarkt. »Und von welchem Gold? Du siehst nicht wie jemand aus, der viel davon hätte.«

»Ich habe es natürlich auch nicht dabei! Aber ich besitze welches.«

»Wo?«

Nun konnte er ein entnervtes Augenrollen nicht länger unterdrücken. »Im Versteck der Waldschlangen natürlich.«

»Und wo ist das?«

Negius lachte schallend. »Du denkst, dass ich es dir verrate, damit du mich dann abstechen und es dir holen kannst?«

Machral stellte sich vor ihm hin, plötzlich hatte er ein Messer in der Hand. Ihre Blicke trafen sich und der Söldner musste sich dazu zwingen, diesen kalten, blauen Augen standzuhalten.

»Nein«, sagte der selbsternannte Erl schließlich.

Die Klinge zuckte vor.

Das raue Seil fiel leblos zu Boden.

Negius stand einen Augenblick wie betäubt, dann rieb er sich die schmerzenden Handgelenke. »Ich wusste, dass du kein Narr bist.«

Machral wandte ihm den Rücken zu und durchquerte die Halle, wobei er interessiert die kahlen Wände begutachtete.

»Du wirst das Gold holen.«

»Versprochen. Wir teilen Halbe-Halbe. Jetzt habe ich ja keine Nichtsnutze mehr zu bezahlen.«

»Nein. Du holst alles

Der Söldner holte Luft, um zu widersprechen, doch der Blick, den Machral ihm zuwarf, ließ ihm die Worte im Hals stecken bleiben.

»Einige meiner Männer werden dich begleiten. Um dir beim Tragen zu helfen. Und aufzupassen, dass du auch den Rückweg findest.«

An diesem Morgen war die Sonne groß und hell hinter den Bergen aufgegangen. Die angenehme Kühle der Nacht war schon nach kurzer Zeit vergessen und die Luft begann über den Straßen zu flimmern. Und auch über der sandigen Ebene, die sich jenseits der Felder bis zu den Bergen erstreckte. Der Himmel war strahlend blau und es würden wohl auch keine Wolken mehr aufziehen. Südland drohte ein weiterer heißer Tag.

Konfried folgte der Abzweigung und dem Kiesweg zwischen den Hecken hindurch. Die Gärten seines Palastes waren noch immer so, wie sie zu seiner Kindheit gewesen waren. Saftiges Grün, bunte Blumen, alle möglichen Arten von Düften und hier und da einige Insekten, die von Blüte zu Blüte summten.

Hier hat sich nichts verändert, dachte er zufrieden.

Dafür hatte sich das Reich, das er seit zwanzig Jahren regierte, umso mehr verändert. Das Land, seine Hauptstadt, die Völker, die hier lebten, alles war anders als damals, als er den Thron von seinem Vater geerbt hatte.

Eine seiner ersten Amtshandlungen war es gewesen, das von seinem Vater erlassene Menschen-Melferit wieder abzuschaffen. Der Erlass hatte allen nichtmenschlichen Völkern die Einreise nach Südland untersagt. Alle, die bereits hier gelebt hatten, Minotauren, Faune, Zwerge, Elda – die meisten von ihnen hatten geholfen, dieses Land einst den Thairesh zu entreißen – waren verbannt worden. König Rhoim hatte befürchtet, dass durch den Zustrom von Flüchtlingen aus Nyss bald Wohnraum und Nahrung knapp werden würden.

Konfried war das Risiko eingegangen. Es war ihm ungerecht erschienen und er hatte die von seinem Vater sogenannten Nicht-Menschen immer gemocht. Außerdem, so hatte er sich gesagt, musste der Strom der Flüchtlinge doch irgendwann einmal versiegen. Und an Nahrung hatte es Südland noch nie gemangelt, die gesamte Ebene zwischen dem Meer und den Weißen Bergen war Acker- und Weideland.

Es war ein Risiko gewesen. Und der Ausgang stand immer noch offen.

Es kamen noch immer Flüchtlinge. Nicht mehr so viele wie vor zwanzig Jahren, doch sie kamen. Die Bewohner Eldodrims waren hingegen kaum zurückgekehrt. Nur einige Leandi, Tiermenschen, waren durch die Portale hierher gereist.

Dabei waren die Ernten in den letzten Jahren immer schlechter ausgefallen. Das Klima in Piodrim schwankte extrem. Tagsüber wurde es zunehmend heißer, nachts hingegen immer kälter. Ständig gab es Nachtfrost. Durch die sengende Sonne schrumpfte das Ackerland, von den Bergen her dehnte sich eine karge Wüste Stück für Stück immer weiter in Richtung der Stadt aus.

Längst war Südland von Nahrungsmittellieferungen abhängig. Rhoim, Konfrieds Vater, hatte dabei stets auf Nyss vertraut, doch das Land befand sich noch immer im Bürgerkrieg, nunmehr seit einhundertzwanzig Jahren, und die blutgetränken Felder wurden kaum noch bebaut. Daher hatte Konfried seine Boten ausgesandt.

Nicht nach Norden, dort lauerten die Rabenmarker, doch im Südwesten lag das Reich Salaam und obwohl es zum größten Teil aus Wüste bestand, erlaubten der Fluss und die fruchtbaren Küstenstreifen ihm, Nahrungsmittel in Mengen zu verkaufen.

Konfried war stolz auf diese Handelsbeziehung. Er hatte sie allein aufgebaut und damit die Leben seiner Untertanen gerettet. Gold hatte Piodrim wahrlich mehr als genug!

Der Süden ist kein Problem, dachte der König, während er einen Raben beobachtete, der ihn von den Ästen einer Buche aus musterte. Die Raben sind es.

Irgendwo im Norden, noch weit hinter dem ehemaligen Delmorireich, lag die Rabenmark. Mehr wusste Konfried nicht. Nur, dass es irgendwo dort war, und dass mehr und mehr Schiffe nach Süden kamen. Noch hatten sie sich nicht weiter als bis vor die Küste Nyss' gewagt, doch alles Weitere war nur eine Frage der Zeit. Konfrieds Spione berichteten, wenn sie überhaupt Bericht erstatten konnten, dass sich das Land auf einen Krieg vorbereitete.

Er seufzte und ließ sich auf eine steinerne Bank fallen. Einen Krieg kann ich jetzt nicht gebrauchen.

Nicht, dass er einen Krieg sonst gebrauchen konnte. Doch sollten die Erls von Nyss' sich plötzlich daran stören, dass er die Insel Nibius in sein Reich eingegliedert hatte, so würde er einen Angriff, selbst von allen zusammen, problemlos abwehren können. Bei der Rabenmark war er sich hingegen nicht sicher.

Nyss war gespalten in einem ewigen Bürgerkrieg. Die Kriegsherren gaben Unmengen von Gold aus, um in Südland geschmiedete Waffen zu kaufen, damit sie die Männer statt an eine Schmiede an die Front stellen konnten. Es schmerzte Konfried, dass er den Reichtum seines Landes mit dem Blut eines anderen erkaufte, andererseits würden seine Untertanen sonst verhungern. Und er hatte schon früh gelernt, dass man als König auch Opfer bringen musste. Meist sogar höhere und schrecklichere, als der normale Mann.

Rabenmark war im Gegensatz zu Nyss politisch stabil. Es hatte einen fähigen Herrscher und eine erfahrene Armee, zumindest musste Konfried das annehmen.

Der König erhob sich von der Bank und schlenderte weiter durch die Gärten. Er wollte diesen Moment der Ruhe voll auskosten. Es gab wenig genug davon. Doch selbst wenn er wollte, er konnte nicht so tun, als sei er nicht der König eines Landes. Nicht einmal für einen Moment. »Deswegen bist du ein so guter König«, sagte Karyn dann stets.

Wenn ich kein guter König wäre, wäre ich wohl glücklicher.

Er schüttelte energisch den Kopf. So etwas durfte er gar nicht erst denken!

Konfried drehte sich um und betrachtete die Rückseite seines Palastes. Der Palast von Sernyskal galt als Juwel des Landes und war weithin berühmt. Dabei galt ganz Sernyskal ebenfalls als Juwel, die Erls von Nyss blickten neidisch nach Süden, wann immer sie ihre Augen von ihrem Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in dem zerrütteten Land lösen konnten.

Ich werde sie schützen, dachte Konfried und sah dem Raben nach, der sich krächzend aus der Buche erhob und davonflog. Ich werde die Menschen Piodrims vor allen Gefahren schützen.

Und wenn das Krieg bedeutete? Dann würde er nicht vor dem Kampf fliehen! Wenn Rabenmark anfing, seine Fänge nach Nyss und Piodrim auszustrecken, dann würde Konfrieds Schwert sie abschlagen!

Die Mobilmachung würde im Ernstfall nicht lange dauern, das wusste er. Südland besaß ein stehendes Heer, nur für den Fall, dass Nyss doch einmal angreifen sollte. Und seine Soldaten waren gut ausgebildet, auf Eluebs Rat hin hatte er vor einigen Jahren veranlasst, dass jeder Mann beim Eintritt in das Erwachsenenalter eine Ausbildung zum Soldaten über sich ergehen lassen musste. Wenn es zu einem Krieg kam, würde jeder Mann Südlands ein Soldat sein.

Doch würde das reichen? So wenig sie über Rabenmark erfuhren, Konfrieds Spione und Berater wussten, dass es größer war als Piodrim. Größer bedeutete mehr Soldaten, mehr Rohstoffe, mehr von allem.

Ich brauche mehr Krieger, wurde Konfried bewusst.

Doch woher sollte er die nehmen? Salaam würde keine Soldaten abstellen, sie brauchten ihre Armee zum Schutz gegen ihre eigenen Feinde. Und außer Salaam und Nyss gab es keine weiteren Reiche in der Nähe, Eldodrim hatte vor zwanzig Jahren, als das Menschen-Melferit in Kraft gesetzt wurde, jeden Kontakt abgebrochen und ihn offiziell niemals wieder aufgenommen.

Danke, Vater, dachte Konfried verbittert. In deiner Engstirnigkeit hast du uns womöglich alle getötet. Er atmete tief ein und wieder aus und zwang sich, sich zu beruhigen. Noch ist überhaupt nichts passiert, sagte er sich.

Dann beschloss er, einfach nicht länger an Staatsgeschäfte und Politik zu denken und weil er wusste, dass er nicht an nichts denken konnte, dachte er an Karyn.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

 

Der Tag war ereignislos verstrichen und noch nie zuvor war Adogen so froh darüber gewesen, dass an einem Tag absolut nichts passiert war. Nun war die Sonne nur noch wenige Fingerbreit vom westlichen Horizont entfernt, doch er lag noch immer ausgestreckt auf der Wiese.

Adogen holte tief Luft und schwang sich in eine sitzende Haltung. Seine Kopfschmerzen waren verebbt, zurückgeblieben war nur ein leichtes Mattsein.

Er sah sich um, doch er erkannte nichts an diesem Ort wieder. Es war eine weite, grüne Wiese, wie sie überall in Nyss sein konnte. Zu seiner Rechten war in einiger Entfernung eine Ansammlung von Bäumen zu sehen, doch auch die sahen aus, wie Bäume überall im Land. Nirgends gab es eine Straße oder ein Gehöft oder auch nur irgendein Anzeichen von Zivilisation.

Er drehte sich um und stutzte. Dort ragten hellgraue Gebilde in den Himmel, die wie das Skelett eines Palastes aussahen. Gebrochene Torbögen, Säulen, grasüberwachsene Treppenstufen und alles von einer unglaublichen Eleganz.

Immerhin Zivilisation, dachte Adogen grinsend. Wenn auch vor Tausenden von Jahren untergegangen.

Er kannte diese Art von Ruinen und er erkannte auch diese ganz spezielle Ruine. Es war der Rest der Stadt Yathaladar, eine der unterirdischen Städte der Deamori.

Adogen kam auf die Beine und schlenderte auf die Ruine zu. Dort würde er weder Gastfreundschaft noch ein weiches Bett oder warmes Essen finden. Aber immerhin würden ihn die Säulen und Bögen vor dem Wind schützen.

Ruinen wie diese gab es überall in Nyss. Sie waren der an der Oberfläche sichtbare Teil ganzer Städte, die in die Erde gegraben waren. Wobei der Begriff ›gegraben‹ bedeutend unglücklich war, denn diese Hallen waren hoch und gut belüftet und diejenigen, die sie betraten, behaupteten, sie wären von feinem Nebel erfüllt, der im Schein leuchtender Kristalle glitzerte.

Doch es gab nur wenige, die sich in diese Städte wagten, denn die Deamori hatten der Nachwelt haufenweise Fallen hinterlassen. Magische und mechanische Fallen, die das Verständnis jedes Menschen überstiegen, was ihnen jedoch nichts von ihrer Tödlichkeit nahm.

Adogen erklomm die Stufen, die auf die Wege hinaufführten. Der oberirdische Teil dieser Städte bestand größtenteils aus Säulengängen, die wie ein Podest etwa zwei Schritt über den Boden aufragten. Vermutlich waren diese Säulen einst überdacht gewesen. Oder die Bögen galten zur Zeit der Deamori einfach als architektonisch besonders schön.

Diese Säulengänge hatten gleich mehrere Vorteile gehabt. Zum einen mussten die Ebenen-Elda, wie die Deamori von den Menschen genannt wurden, so nicht auf dem Gras oder im Dreck laufen, sie hatten also den gleichen Effekt wie die Straßen der Menschen. Durch ihre erhöhte Lage schützten sie aber gleichzeitig den inneren Hof vor dem Eindringen von wilden Tieren oder anderen Angreifern. Sie hatten zwar nicht die gleiche Wirkung wie eine Mauer, doch Adogen wusste, dass es gegen Banditen gereicht haben musste. Wenn es denn damals, zur Zeit der Herrschaft der Elda, überhaupt Banditen gegeben hatte. Auf die Wege zu klettern war schwierig und man war Angriffen von oben oder den berüchtigten Bogenschützen der Elda völlig ausgeliefert. Der einzige echte Angriffspunkt waren also die Treppen.

Wenn es jemanden gegeben hätte, der die Deamori angriff.

Vor der Rebellion, natürlich.

Doch diese oberirdischen Teile waren ohnehin eher schmückendes Beiwerk gewesen. Eine Art Empfangshalle oder Vorflur, wo die Herrscher dieser Städte Besucher empfingen, ehe sie sie ins unterirdische Herz geleiteten.

Außerdem hatten hier oben die Sklaven der Deamori gelebt. Die Menschen.

Dies war auch der Grund, warum die Ruinen weitab von nahezu allen Straßen, Wegen und Höfen lagen. Nachdem die Menschen ihre Herren allesamt in einem blutigen Massaker ausgelöscht hatten, wollten sie so weit wie möglich von den Orten ihrer Herrschaft weg.

Adogen schritt die Treppe in den Innenhof hinunter und sah sich nach einer windgeschützten Nische um. Alles hier war aus großen, weißgrauen Quadern gefertigt, die nahtlos ineinander griffen. Woher diese Steine kamen, wusste niemand. Sie waren zu hell für die Steinbrüche Nyss'. Adogen selbst vermutete Zauberei dahinter.

Er fand eine Nische nahe eines der runden Pavillons, die so etwas wie die Ecktürme der äußeren Galerien waren. Er ließ sich gegen den kühlen Stein sinken und glitt zu Boden.

Er mochte die Ruinen. Vermutlich wusste er deshalb auch so viel über sie. Unwillkürlich verspürte er eine leichte Traurigkeit darüber, dass er mit niemanden über die Deamori fachsimpeln konnte. Keiner seiner Kameraden bei den Graumänteln interessierten sich für dergleichen.

Adogen runzelte die Stirn. Prüfend ließ er den Blick durch den Innenhof der Ruine gleiten, die einst Yathaladar gewesen war. Das Gras wuchs hier nicht besonders hoch, es gab nahezu kein Unkraut, außer etwas Moos an den Steinen. Zwei Bäume wuchsen mit schnurgeraden, dünnen Stämmen in die Höhe, ihre Kronen waren beinahe kreisrund. Auch dieses gepflegte Aussehen war der Magie der Deamori zu verdanken, die noch immer an diesem Ort nachwirkte. Doch das war es nicht, was Adogen nervös machte. Er fragte sich, ob er noch immer mit Verfolgern zu rechnen hatte.

Er wusste, dass sie die Schlacht um Burg Hochstolz verloren hatten und Adogen und einige andere, darunter auch die anderen vier Graumäntel, hatten das einzig Vernünftige getan: Sie waren davongelaufen. Welcher Söldner blieb schon, wenn die Schlacht verloren war? Die Antwort: Ein dummer. Denn wenn die Schlacht verloren war, war auch die Bezahlung verloren. Und meist auch das eigene Leben.

Er hatte bislang angenommen, dass niemand nach ihm suchte. Den ganzen Tag lang war ihm niemand begegnet und es würde auch keiner merken, dass ausgerechnet er fehlte. Die Sieger waren mit Plündern beschäftigt und die Verlierer tot. Und es gab natürlich auch keine Listen über die Besatzung.

Doch was, wenn sie noch immer da draußen waren, wer auch immer es war, gegen die Adogen und die anderen Hochstolz hatten verteidigen sollen? Auch sie würden wissen, dass die Ruine einen guten Unterschlupf für die Nacht darstellte und wenn sie ihn nicht hier suchten, würden sie vielleicht selbst hier lagern wollen.

Ich sollte nicht bleiben, beschloss er. Aber ich muss mich ein wenig ausruhen.

Er lehnte sich zurück und blickte an einer schmalen weißen Säule entlang in den Abendhimmel. Mittlerweile wagten sich die ersten Sterne hervor. Hier, wo der Wind ihn nicht erreichen konnte, versprach es eine angenehm milde Sommernacht zu werden.

Direkt über Adogen war er. Die Bauern nannten ihn ›Doppelstern‹, die Städter bekamen ihn häufig aufgrund der Laternen, die nachts aufgestellt wurden, gar nicht zu Gesicht.

Der Doppelstern.

Genau genommen waren es zwei Sterne, die sehr nahe beieinander standen und sich gegenseitig mit ihrem zarten Licht gegen die schwarze Nacht zu schützen schienen. Sie waren heller als viele der anderen Sterne, doch Adogen glaubte, sie leicht flackern zu sehen, wenn er nur lange genug hinsah. Als wären sie kleine Flammen, die beim nächsten Windhauch zu erlöschen drohten.

Für den Graumantel hatte dieser Doppelstern etwas Beruhigendes an sich. Außerdem erinnerte es ihn an seine Kindheit, daran, wie er das zweite Mal die Regeln gebrochen hatte.

Er war als Waisenkind in einem der Heime in Ler-Aras aufgewachsen. Früher, als noch kein Bürgerkrieg gewütet hatte, hatten die Erls Kinderheime unterhalten, damit elternlose Bälger nicht auf den Straßen hungern oder stehlen mussten. Als der Bürgerkrieg dann ausbrach, hatten sich die Heime rasend schnell gefüllt, denn unzählige Familien waren durch Raubzüge und Schlachten nahezu ausgelöscht worden.

Irgendwann war dann jemand auf die Idee gekommen, wie die überfüllten Kinderheime entlastet werden konnten. Die älteren Kinder wurden von den Heimen in die Kasernen verfrachtet und dort zu Soldaten ausgebildet. Soldaten, die wiederum Familien zerstörten, ob sie das nun beabsichtigten oder nicht.

Es war ein Teufelskreis und die Waisenhäuser wurden nie wirklich leerer. Bald bekam man als Kind auch dort kaum noch etwas zu essen, denn die Versorgung der Armee war für viele Erls wichtiger, als das Stopfen von Kindermäulern.

In Ler-Aras, so wie in den anderen Städten Nyss' auch, entschieden sich die Waisen schließlich dazu, sich ihr Essen selbst zu holen, und so stahlen und bettelten sie wie zweihundert Jahre zuvor, als es noch keine Waisenhäuser gegeben hatte.

Adogen war solch ein Waise gewesen. Und irgendwann hatten er und einige andere beschlossen, abends einfach nicht mehr ins Heim zurückzugehen. Auf der Straße zu schlafen war nicht viel schlechter, als die harten, miefigen und überfüllten Betten der Waisenhäuser.

Das war das erste Mal gewesen, dass Adogen die Regeln gebrochen hatte.

Ab da hatte es für ihn keine wirklichen Regeln mehr gegeben, doch auch für Waisenkinder auf der Straße galten Richtlinien, ungeschriebene Regeln.

Bestehle niemanden, der arm ist.

Verrate keine anderen Waisen.

Töte nicht.

Und verlasse niemals die Stadt.

Woher diese letzte ungeschriebene Regel kam, konnte Adogen heute so wenig sagen wie damals. Das war auch der Grund, warum er sich irgendwann einfach an den Wachen vorbei und vor die hohe Mauer Ler-Aras' geschlichen hatte.

Damals hatte er ihn das erste Mal gesehen: Den Doppelstern.

In diesem Moment hatte Adogen beschlossen, die Stadt ganz zu verlassen und woanders hinzugehen. Irgendwann, irgendwie, irgendwohin. Und schließlich hatte er es geschafft.

Jetzt bin ich ein Söldner, dachte er stolz. Und das ist in diesen Tagen der ertragreichste und gefragteste Beruf. Und ich bin nicht irgendein Söldner, ich bin Mitglied des Inneren Kreises der Graumäntel!

Das Besondere an den Graumänteln war, dass sie nicht bloß irgendwelche hirnlosen Schlächter waren, sondern Meister der Tarnung und des Fernkampfes. Mit der Zeit hatte Cuben sie zu einer Gruppe von solcher Schlagkraft geschmiedet, dass die Kriegsherren sie oft schon deshalb anheuerten, um nicht gegen sie kämpfen zu müssen.

Denn das war wiederum eine der Regeln der Graumäntel. Sie verkauften ihre Klingen, doch sie verkauften sie nicht an beide Seiten.

Als Söldner hatte man in Nyss einen krisensicheren Beruf, gerade weil das Land eine einzige Krise war. Die Erltümer kämpften bereits seit Ewigkeiten um die Vorherrschaft in dem Land, das vor über einem Jahrhundert seines Königs beraubt worden war. Zwischen ihnen hatten sich unzählige Räuberbanden aufgeschwungen, hatten Festungen erobert und griffen nun selbst nach der Macht. Die meisten der Dutzenden Herrscher in Nyss überlebten kaum einen Mondzyklus, ehe sie umgebracht wurden. Dann trat sofort ein neuer an ihre Stelle.

In solch einem Krieg waren Söldner unkomplizierte Soldaten. Sie mussten nicht versorgt werden und je mehr Söldner man hatte, umso mehr eigene, echte Soldaten hatte man nach der Schlacht übrig.

Es war ein Geben und Nehmen. Gold gegen vorübergehende Treue.

Trotzdem ist es lebensgefährlich. Da machte sich Adogen nichts vor.

Als Söldner im Dienste eines siegreichen Kriegsherren oder Erls war man ein reicher Mann. Als Söldner im Dienste eines unterlegenen Kriegsherren oder Erls war man ein toter Mann. Selbst wenn der Sieger die Todesstrafe – warum auch immer – ablehnte, verloren die Bogenschützen, die gefangen genommen wurden, oft Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, damit sie nie wieder einen Bogen spannen konnten.

Adogen grinste und betrachtete seine eigenen Finger. Er war schnell genug gewesen. Und selten hatte er sich so darüber gefreut, bis zehn zählen zu können.

Er blickte erneut in den Himmel, der nun völlig schwarz war, nur erleuchtet von einem Meer aus Sternen und dem Mond, der irgendwo außerhalb seiner Sicht war.

Es ist Zeit, aufzubrechen, beschloss er.

Yathaladar war nur etwas mehr als einen Tagesmarsch von der Heimat der Graumäntel entfernt und er wollte nicht doch noch seinen eventuellen Häschern in die Arme laufen. Er erhob sich schwungvoll und suchte sich seinen Weg aus der Deamori-Ruine hinaus.

Auf nach Hause, dachte er.