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Unverkäufliche Leseprobe aus:

Kristofer Hellmann

Die Rückkehr der Dunklen

Band 2 der Zeitenstrahl-Saga

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar.

Prolog

 

Auszug aus: »Das Tandelrohith« (»Über die Dunklen«)

Verfasst von Selembar Ungolakil

Übersetzt aus dem Eldin von Barael Thendélar

Niemand hat das Gesicht Nans und die Schicksale der Völker so grundlegend verändert wie die Dunklen.

Doch um die Dunklen zu verstehen, muss man zunächst die Großen verstehen.

Es waren acht. Acht Wesen, die wie aus dem Nichts erschienen, mit beiden Händen in die Geschicke der Welt griffen und sie durcheinander wirbelten. Sie schwangen sich zu den Herrschern der Völker auf, die ihnen nur zu bereitwillig folgten.

Wieso sie die Massen so leicht verführen konnten, hat einfache Gründe.

Die Zeiten, die den Luthohithi (eldin für ›Große‹; Anm. d. Übers.) vorangingen, waren Zeiten voller Unruhen. Viele Jahrhunderte lang hatten die Thimori und Deamori über das Land geherrscht und für Frieden gesorgt. Als diese beiden Völker schließlich von den Menschen vernichtet wurden, entstand ein Machtvakuum, das keines der verbliebenen Völker zu füllen vermochte.

Doch sie versuchten es. Und Eras versank in Chaos und Krieg.

Dann kamen die Großen.

Junge, starke Krieger, unsterblich, weise, und Meister im Umgang mit Magie und Schwert. Doch was ihren Mythos wohl am stärksten befeuerte, war die Tatsache, dass sie keine beliebigen acht Personen waren, sondern dass unter ihnen einer von jedem der acht großen Völker war.

Delmori, Menschen, Laimori, Tiere, Leandi, Roshmori, Zwerge und Dhasamori.

So wurden sie die Herrscher ihrer Völker und Frieden kehrte ein. Sie regierten weise und gerecht und da sie unsterblich waren, hätte dieser Zustand ewig andauern können.

Doch wer waren die Großen, dass sie Unsterbliche unter Sterblichen waren? Sie waren keine Kewarthi und keine Gulgogh, keine Götter und gehörten auch keiner fremden Rasse an.

Das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit – und auch ihres Falls – hing um ihre Hälse.

Magische Amulette, von den Laimori Derefini (etwa: ›Vollendete Augen‹; Anm. d. Übers.) genannt.

Sie schützten ihre Träger, verliehen ihnen Macht und ließen sie nicht altern. Doch verbreiteten die Derefini in den Herzen der Großen auch eine Dunkelheit, die diese schließlich überwältigen sollte. Die Amulette korrumpierten sie und bald bekamen die Luthohithi einen anderen Namen. Einen Namen, der aus Angst nur noch geflüstert werden sollte:

Man nannte sie die Delrohithi (eldin für ›Dunkle‹; Anm. d. Übers.).

In all ihrer Weisheit wussten die Großen nicht, welchen Fluch die Derefini über sie und die Welt bringen würden. Sie wurden ihnen geschenkt, von einem Mann, der sich selbst Hanilath (eldin für ›Sonnenlicht‹; Anm. d. Übers.) nannte.

Die Großen nahmen diese Geschenke an, in der Hoffnung, ihren Völkern und der Welt Frieden zu bringen. Sie hätten sich anders entschieden, hätten sie Hanilaths wahren Namen gekannt:

Narebak.

15. Hifnëier 2Ä1988

Das Menschen-Melferit

 

Was meinst du damit, er ist verschwunden?«

Karyn wich seinem Blick aus. Rhoims Hände zitterten, Tausende Gedanken schossen ihm durch den Kopf.

»Hast du ihn suchen lassen?«

»Natürlich, mein König! Ich habe fünf Wachen nach ihm ausgeschickt. Ich selbst habe den gesamten Palast und seine Lieblingsplätze in den Gärten abgesucht.«

»Lass die Stadt durchkämmen«, befahl Rhoim. »Die Männer sollen den Palast noch ein zweites und wenn es sein muss auch ein drittes Mal durchkämmen! Hast du an die Kellergewölbe gedacht?«

»Die Gewölbe sind verschlossen, er kann nicht …«

»Aber andere könnten!«, unterbrach er sie.

Er wirbelte herum und starrte auf die Stadt hinaus. Beinahe hoffte er, seinen Sohn dort irgendwo erblicken zu können. Was sollte er nur tun? Was konnte er tun?

Konfried war schon früher nicht zum Unterricht gekommen. Sie hatten ihn in seiner Kammer oder in den Gärten gefunden, in Gedanken irgendwo weit entfernt. Manchmal hatte er sich auch absichtlich versteckt. Wie jedes Kind hatte er hin und wieder nicht zum Unterricht kommen wollen oder war nach einem Streit mit seinem Vater hinausgestürmt. Doch immer hatten sie ihn gefunden. Unter der alten Eiche oder hinter einer der Rosenhecken.

Wo konnte er jetzt nur sein?

Rhoims Hände verkrampften sich um das Geländer. Konfried war nun siebzehn Jahre alt. In diesem Alter lief man nicht mehr vor dem Unterricht davon.

»Mach dir keine Sorgen«, erklang Karyns beruhigende Stimme hinter ihm.

Sie trat an ihn heran und legte vorsichtig eine Hand auf seinen Arm.

Rhoim zitterte vor Wut und Angst.

»Er wird schon wieder auftauchen«, fuhr Karyn fort. »Wir suchen ihn. Er ist in einem Alter, in dem man gegen seine Eltern rebelliert. Du wirst sehen, entweder wir finden ihn oder er kommt von ganz alleine zurück. Dies hier ist sein Zuhause.«

»Und was, wenn er gar nicht fortgelaufen ist?« Rhoim sagte diese Worte mehr zu sich selbst, doch er spürte, wie die Frau hinter ihm sich anspannte.

»Aber wir haben Frieden«, warf sie ein. »Südland hat keine Feinde. Niemand könnte davon profitieren, deinen Sohn zu entführen!«

»Nicht Nyss.« Das alte Königreich der Menschen war schon vor einhundert Jahren im Bürgerkrieg versunken. Die Erls bekämpften sich gegenseitig und Rhoim sorgte dafür, dass Südland sich aus diesem Chaos heraushielt. Nur Flüchtlinge nahmen sie auf.

»Was ist mit ihnen?«, fragte er und deutete in die Straßen.

»Euer Volk?«

»Nein. Die Raáraen.«

Er blickte auf die Zwerge, Faune und Kentauren, die noch immer durch die Straßen zogen. Einige von ihnen stapelten bereits Säcke und Kisten mit ihren Habseligkeiten vor ihren Häusern.

»Ihr glaubt doch nicht etwa …«

»Es ist eine Möglichkeit.« Seine Stimme war völlig ruhig während dieser Worte, doch am liebsten würde er das steinerne Geländer mit bloßen Händen zerbrechen. »Sie könnten ihn entführt haben.«

»Doch dann hätten sie gewiss bereits Forderungen gestellt«, warf Karyn ein.

König Rhoim seufzte. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn die Nicht-Menschen hinter dem Verschwinden seines Sohnes steckten. Die Alternative war um einiges grauenvoller.

»Du machst dir zu viele Sorgen«, begann Karyn erneut. »Du bist ein Vater und deshalb fürchtest du stets das Schlimmste, wenn es um deinen Sohn geht.«

Rhoim schlug mit der Faust auf das Geländer und wirbelte herum. Karyn zuckte zusammen und wich ängstlich einen Schritt zurück.

»Willst du sagen, dass ich überreagiere?!«, brüllte er sie an. »Willst du das damit sagen?! Dass ich mich beruhigen soll?! Dass nichts geschehen ist?! Mein Sohn ist verschwunden! Mein einziger Sohn!«

»Aber er …«

»Du kennst die Geschichte!«, unterbrach er sie herrisch. »Du bist meine Vertraute, ich habe sie dir erzählt! Du weißt von dem Fluch, der auf meiner Sippe lastet! Der Fluch, den mein Großvater Ambar auf uns geladen hat!«

»Ja, natürlich weiß ich …«

»Dann solltest du auch wissen, warum ich mir Sorgen mache, wenn du mir sagst, dass mein einziges Kind wie vom Erdboden verschluckt ist!«

Er hielt inne. Er hatte diese Redewendung benutzt ohne nachzudenken. Doch sie könnte wortwörtlich zutreffen. Rhoims Kehle wurde ihm eng.

»Du weißt von dem Fluch«, sagte er noch einmal, seine Stimme war nun kaum mehr als ein Flüstern. »Der Kewarth Narebak hat geschworen, die Linie Ambar Felarthairesh‘ auszulöschen. Und Melo Orkan schwor blutige Rache, als er von meinem Großvater vor achtzig Jahren zurückgeschlagen wurde. Ein Gulgogh will mich und meine Familie vernichten.«

Sein Blick fiel auf einen schwarzen Käfer, der auf dem Geländer entlang krabbelte. Rhoim zog seinen Dolch, warf Karyn einen Blick zu und rammte die Klinge dann geradewegs durch den Körper des Insektes. Die Beine zuckten noch, während er fortfuhr.

»Dies ist die Macht, der ich mich gegenübersehe, Karyn. Narebak mag in der Schattensphäre gefangen sein, doch Melo Orkan sitzt nur da und wartet, den Dolch stets über meinem Haupt erhoben. Und jetzt sage mir noch einmal, dass ich mich beruhigen soll, wenn mein einziger Sohn verschwunden ist.«

Er ließ von dem Dolch ab, der den Käfer noch immer am Geländer festnagelte. Das Tier rührte sich nicht mehr.

Karyn trat vorsichtig an Rhoim heran und schlang die Arme um ihn. Er drückte sie an sich und vergrub das Gesicht in ihrem Haar.

»Ich habe Angst, Karyn«, flüsterte er. »Wir müssen ihn finden.«

»Wir werden ihn finden. Du stehst nicht allein.«

Das stimmt wohl. Er hatte sie und seine Soldaten und sogar …

Er löste sich von ihr und trat einige Schritte zurück. Seine Finger tasteten Halt suchend nach dem Geländer.

»Was ist los?« Die Angst war in Karyns Blick zurückgekehrt. »Was hast du?«

»Hast du auch bei ihr gesucht?«, fragte er.

»Bei ihr?«

»Bei der alten Hexe?«

»Die alte …« Dann verstand sie. »Die Hofmagierin? Nein, bei ihr war ich nicht. Ich dachte nicht, dass …«

»Diese vermaledeite …!« Rhoim stürmte an Karyn vorbei und durch seine Gemächer.

Er hätte es wissen müssen, warum hatte er nicht vorher daran gedacht! Die Hexe! Konfried war gewiss bei dieser alten Vettel! Sie konnte sonstwas mit ihm tun! Er traute dieser Frau nicht, die seit einhundert Jahren die Hofmagierin Südlands war. Sein Vater Rindor hatte sie respektiert, weil sie zusammen mit Ambar gegen Narebak gekämpft hatte, doch Rhoim hatte kein Vertrauen in die alte Hexe. Kein Mensch lebte hundert Jahre, wenn er nicht mit der schwarzen Magie im Bunde war.

Der Schnitt ist nicht sehr tief, aber in Zukunft musst du vorsichtiger sein.«

Konfried nickte stumm und sah zu, wie die Heilerin sanft mit dem Finger über die Wunde auf seinem Handrücken strich. Wie durch Zauberhand verschwand der rote Strich. Nicht einmal eine Narbe blieb zurück. Doch er spürte einen sanften Schauer, der sich bei der Berührung ausbreitete.

»Das ist schon das dritte Mal in dieser Woche, dass du mit einer Verletzung zu mir kommst«, bemerkte die Hofmagierin.

Er sagte nichts und tat weiter so, als starrte er auf die Stelle, an der zuvor noch ein kleiner Schnitt gewesen war. Er hatte ihr gesagt, er wäre gegen einen spitzen Mauerstein gestoßen. Die Hofmagierin hatte nicht weiter nachgefragt. In Wahrheit schielte er jedoch gerade auf ihr Kleid. Angeblich hatten es die Laimori gefertigt. Es schien leicht durchsichtig zu sein.

»Es hat eigentlich gar nicht wehgetan«, sagte er schließlich, als er bemerkte, dass er zu lange geschwiegen hatte. »Aber du hast mir mal gesagt, ich soll auch mit kleinen Verletzungen zu dir kommen.«

»Das stimmt«, antwortete sie. »Auch eine kleine Wunde kann sich entzünden. Und wenn das geschieht, kann man selbst wegen einem winzigen Schnitt eine Hand verlieren oder sogar sterben.«

Sie wusste so viel über Krankheiten, Verletzungen und ihre Heilung. Konfried bewunderte sie dafür. Doch schließlich war sie angeblich über einhundert Jahre alt, da hatte man viel Zeit, zu lernen.

»Deswegen darf man sich auch niemals selbst verletzen«, fügte die Magierin hinzu und ließ seine Hand los.

Er blickte zu ihr auf und versank sofort in den blauen Augen die immer ein wenig traurig aussahen. Ihr goldenes Haar fiel ihr sanft über die Schultern und rahmte ihr helles Gesicht ein. Ein Gesicht, das jünger war als Karyns, obwohl die Magierin mehr als dreimal so alt sein sollte.

»Einen Schnitt von einem scharfen Stein erkennt man daran, dass er unregelmäßig und die Haut aufgekratzt ist«, erklärte sie ihm. »Eine Verletzung durch ein Messer hingegen ist gerade und die Ränder der Wunde ganz glatt.« Sie sah ihm in die Augen und schwieg.

Konfried spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss und starrte rasch auf seinen Schoß. Er hätte wissen müssen, dass sie es durchschauen würde.

»Wirst du es Vater sagen?«, fragte er leise.

Sie antwortete nicht sofort.

»Nein«, sagte sie schließlich. »Natürlich nicht.«

Er sah wieder auf, doch der Blick der Magierin ließ seine Erleichterung verschwinden. Sie wirkte ernst und besorgt, ihre Augen waren noch trauriger als sonst.

»Konfried, warum tust du das?«, fragte sie ihn. »Und sei ehrlich.«

»Was tue ich?« Er blinzelte verwirrt. Konnte sie sich wirklich nicht vorstellen, warum er gerne bei ihr war? Wie sollte er es ausdrücken? Sie war nett und hübsch und er fühlte sich wohl bei ihr.

»Dich verletzen. Wir wissen beide, dass das keine Unfälle oder Unachtsamkeiten waren. Wieso tust du das? Geht es dir nicht gut?«

Konfried richtete sich auf seinem Stuhl auf.

»Ich weiß, dass das alles sehr anstrengend für dich sein muss«, fuhr die Hofmagierin fort. »Du bist der Prinz und Erbe eines Königreiches. Es wird viel von dir erwartet. Doch du darfst dich nicht selbst verletzen!«

»Was? Ich …« Jetzt verstand Konfried. »So ist es nicht! Nein, überhaupt nicht. Ich will mir nicht wehtun, ich …« Er blickte zur Seite. »Ich bin nur gerne bei dir.«

Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Magierin auf ihrem Stuhl zusammensackte. Sie seufzte leise.

»Dann ist gut. Ich finde es auch schön, wenn du hier bist. Aber dafür musst du dir doch nichts antun! Du kannst mich doch auch einfach so besuchen.«

Konfried schüttelte den Kopf. Er wünschte es wäre so einfach. »Vater erlaubt es nicht.«

Ihr dünnes Kleid raschelte, als sich ihr Körper anspannte.

»Oh.«

Mehr sagte sie nicht.

Stille senkte sich drückend über die beiden. Draußen vor dem Fenster sangen die Vögel, doch es war, als seien sie in einer anderen Welt. Als würde ihr Klang eigentlich gar nicht in das Haus der Hofmagierin vordringen.

»Dein Vater liebt dich«, sagte sie schließlich. »Er wird wissen, was das Beste für dich ist.«

Krachend flog die Holztür auf und stieß scheppernd gegen die Wand. Beinahe wäre sie aus den Angeln gesprungen. Konfried wirbelte er auf dem Stuhl herum und fiel dabei fast herunter.

»Aliénna!«, brüllte eine Stimme.

Ein Mann in seidenen Gewändern, über dessen Schultern ein schwerer, roter Umhang geworfen war, stürmte durch den Raum auf Konfried und die Magierin zu. Lautlos strich der Nerzsaum des Umhangs über den Marmorboden.

Neben Konfried erhob sich die Magierin langsam und deutete eine Verbeugung an.

»Hier steckst du also«, herrschte der Mann und starrte auf ihn herab. Eine junge Frau mit bronzefarbenen, hochgesteckten Haaren tauchte hinter dem König auf.

»Bring ihn auf sein Zimmer«, befahl der Mann.

Als Konfried an ihm vorbei ging, berührte sein Vater ihn mit der Hand an der Schulter.

»Komm«, sagte Karyn und führte ihn vor sich her aus dem Haus.

Er fühlte sich wie ein Verurteilter, der von einem Soldaten zum Richtblock geführt wurde. Doch er wusste, dass ihm nichts geschehen würde. König Rhoim würde seine Wut an der Hofmagierin auslassen. So wie immer.

König Rhoim …«, begann Aliénna, doch der Mann bedeutete ihr mit erhobener Hand zu schweigen.

Der König war eigentlich recht dünn, doch der wallende, schwere Umhang ließ ihn breit und stämmig wirken, während sein Kopf mit den kurzen schwarzen Haaren geradezu lächerlich verkleinert wurde.

»Ich habe Euch doch gesagt, Ihr sollt Euch von meinem Sohn fernhalten!«, zischte Rhoim. Eine dicke Ader pulsierte an seiner Schläfe.

»Er hatte sich die Hand verletzt«, entschuldigte sie sich. »Ich habe ihn nur behandelt.«

»Schweigt! Lasst die Finger von meinem Sohn. Er braucht Eure Hilfe nicht.«

»Selbst kleine Wunden können, wenn sie nicht behandelt werden, schnell …«

»Treibt es nicht zu weit!«, mahnte der König mit rot angelaufenem Gesicht. »Mag sein, dass mein Großvater Euch geduldet hat, mag sein, dass auch mein Vater Euch geduldet hat, aber ich habe nichts übrig für Hexen. Besonders nicht, wenn sie unschuldige Kinder …« Verzweifelt schien er nach dem passenden Wort zu suchen, bis er sich endlich entschloss, den Rest des Satzes drohend wegzulassen.

»… zu retten?« Aliénna erschrak vor sich selber. Sie hatte das gar nicht laut sagen wollen.

»Was sagtet Ihr?« Rhoims Stimme war zu einem Zischen geworden.

»Eurem Sohn geht es nicht gut«, sagte Aliénna nun fest. Sie entschloss sich zu einer Flucht nach vorn. »Die Verletzungen, mit denen er zu mir kommt … er hat sie sich selbst zugefügt. Ihr setzt ihn zu sehr unter Druck! Er ist fast noch ein Kind, beladet ihn nicht zu früh mit dem Gewicht eines Königreiches.«

»Ich kenne meinen Sohn sehr gut, Hexe. Ich weiß, wie stark er ist. Er ist dieser Aufgabe gewachsen. Er ist jeder Aufgabe gewachsen, denn er ist ein Nachfahre des großen Ambar Felarthairesh! Ihr solltet doch am besten um die Stärke unseres Blutes wissen, schließlich kanntet Ihr meinen Großvater.«

»Ja«, sagte Aliénna. »Ja, ich kannte Ambar.«

»Für Euch König Ambar!«

Sie erinnerte sich noch gut an den jungen Mann, der einst an die Tür ihrer Hütte in Koho geklopft hatte. An sein ausgezehrtes Gesicht, die schmutzige Kleidung. Er war drei Tage und Nächte lang vor einer Gruppe Delmori geflüchtet. Sein Bein war nahezu vollständig gelähmt gewesen, nachdem er von einer verzauberten Klinge verwundet worden war. Ja, sie erinnerte sich an den Krieger, der allein das Königreich Nyss retten sollte. Wie verbissen er gekämpft hatte und wie schwer es auf ihm gelegen hatte, dass seine Heimat und seine Familie vollständig vernichtet worden waren.

Dann hatte er sie hierher geführt. Er war nach Südland gekommen, von dem es hieß, dass wandelnde Schatten darin hausten und niemand je lebendig zurückgekehrte. Er hatte gegen einen Kewarth gekämpft, nur mit dem Schwert in der Hand und Mut im Herzen. Und er hatte gesiegt! Wider aller Hoffnungen hatte er Narebak erschlagen und in die Schattensphäre Zeogherra zurückgeschleudert.

Dann hatte er das Reich Piodrim gegründet. Eine Heimat für all jene, die den Frieden liebten. Er nahm Zwerge und Leandi und Flüchtlinge aus Nyss auf. Jeden, der jetzt an seine Tür klopfte.

Und er verteidigte dieses Reich, als Melo Orkan es zu vernichten suchte. Er stellte sich dem Gulgogh entgegen, der Piodrim mit Stürmen, Erdbeben und Flutwellen angriff.

Manchmal träumte Aliénna von dieser Zeit und erlebte den letzten Kampf noch einmal. Wie sie sich aus den Trümmern eines zusammengestürzten Hauses befreite und auf die große Hauptstraße taumelte. Die Stadt, die sie erst drei Jahre zuvor wieder aufgebaut hatten, lag erneut in Schutt und Asche. Dann blickte sie zum Hafen und dort stand er. Auf dem magischen Siegel, das ein Mosaik in Form eines stilisierten Auges darstellte und den Knotenpunkt der Hafenanlagen bildete. Über ihm quollen schwarze Gewitterwolken, erhellt nur von den zuckenden Blitzen. Regen peitschte über den Platz und prasselte auf die Ruinen Sernyskals. Der Wind pfiff heulend durch die Gassen und Straßen und zerrte an Ambars Poncho, das Meer vor ihm tobte, gewaltige Wellen schlugen gegen die Kaimauern, als wollten sie das Land verschlingen.

Dann erhob sich der Gulgogh aus dem Meer. Melo Orkan, der Herr der Stürme, schritt durch das schwarze Wasser auf Südland zu. Ein Wesen, höher als jeder Turm und mit glühenden Augen. Er hätte den Menschenkönig in seiner Faust zerquetschen können, doch Ambar rührte sich nicht von der Stelle. Er trotzte dem Sturm und war bereit, es mit einem Wesen aufzunehmen, das wie ein Gott war.

Melo Orkan streckte seine gewaltige Hand aus. Vor ihm reckte Ambar sein Schwert in die Höhe. Arathyl, Menschenstolz, das Schwert des Königs.

An dieser Stelle erwachte Aliénna jedes Mal schweißgebadet in ihrem Bett. Dann trat sie stets ans Fenster und blickte auf die Stadt. Ambar hatte den Gulgogh besiegt. Er hatte ihn nicht töten können, doch er hatte ihn hinter die Grenzen der Welt zurückgeschleudert.

Und danach Südland zum zweiten Mal neu errichtet.

Und nun stand sein Enkel vor Aliénna und warf all dies einfach davon.

»Was starrt Ihr mich so an?«, blaffte Rhoim.

»Ihr begeht einen Fehler, König«, sagte sie nur.

»Meint Ihr, ja?«

»Ich weiß es.«

»Ich passe auf meinen Sohn auf, wie jeder gute Vater es tut.«

»Ihr erdrückt ihn! Lasst dem Jungen seinen Freiraum. Eure Angst …«

»Meine Angst?«, unterbrach Rhoim sie. »Meine Angst! Meine Sippe ist verflucht, Aliénna! Ein Kewarth hat …«

»Ich weiß, was Narebak sagte, Rhoim!« Der König klappte perplex den Mund zu. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, wenn jemand zurückbrüllte. Aliénnas Herz raste vor Wut. Was bildete dieser Mann sich ein?

»Ich kenne die Drohung, den Fluch. Ich war dabei, als Narebak ihn aussprach! Vergesst nicht, vor wem Ihr steht, Rhoim! Ich war es, die Euren Vater auf diese Welt holte und ich war es auch, der Eurer Mutter bei Eurer Geburt half!«

»Zumindest da habt Ihr nicht versagt«, knurrte der König leise.

Aliénna schluckte. Die Worte trafen sie härter, als ihr lieb war und sie verfluchte das Zittern, das sich in ihre Hände stahl.

»Ihr tut Eurem Sohn keinen Gefallen, wenn Ihr ihn einsperrt wie ein Tier«, fuhr sie fort, doch die Schärfe und die Kraft waren aus ihrer Stimme geflohen. »Ihr versteckt ihn und verhindert, dass er sein Leben leben kann. Genau das ist es, was Narebak will. Er braucht Euch nicht zu töten, um Euer Leben zu zerstören.«

Rhoim starrte sie an, seine Schultern hoben und senkten sich bei jedem scharfen Atemzug unter dem schweren Mantel.

»Doch das ist nicht Euer einziger Fehler.« Aliénna fühlte sich unglaublich müde und erschöpft, doch sie musste fortfahren. Sie wollte sich hinsetzen, doch das würde sie noch schwächer erscheinen lassen, als ihre herabhängenden Schultern es sicher ohnehin schon taten. Wie so oft spürte sie jetzt die Last eines Jahrhunderts auf sich.

»Das dort draußen.« Sie nickte zur Tür. »Das ist nicht, was Euer Großvater gewollt hätte. Ihr dürft die Leandi, Zwerge und all die anderen nicht verbannen.«

Eine Weile starrten sich die beiden nur an, wobei es Aliénna zunehmend schwerer fiel, ihre Augen offen zu halten.

Schließlich wandte sich Rhoim um und schritt zur Tür.

»Meine Entscheidung ist gefallen«, sagte er über seine Schulter hinweg. »In jeder Hinsicht.«

Auf der Schwelle hielt er noch einmal inne.

»Ihr solltet mit ihnen gehen, Magierin. In Südland ist kein Platz mehr für Euch.«

Mit einem lauten Knall ließ er die Tür hinter sich zufallen. Aliénna blieb so lange stehen, bis sie sicher war, dass Rhoim nicht noch einmal zurückkam. Dann ließ sie sich erschöpft auf den Stuhl sinken. Tränen rannen ihr über die Wangen, ohne dass sie es merkte.

17. Hifnëier 2Ä1988

Aus den Schatten geboren

 

Dunolf betrachtete eindringlich die Häuserfassade. Es war ein gewaltiges Gebäude, das den kleinen Platz vollends beherrschte. Vier Stockwerke hoch überragte es alle anderen Häuser auf dieser Stufe und sogar noch einige auf der nächsthöheren. Wie die meisten Gebäude Ler-Aras‘ war es aus festen Granitsteinen errichtet worden. Die hohen Fenster waren spärlich gesät und ließen vermutlich nicht viel Licht ins Innere.

Der Blick des Wachmanns glitt die Eingangspforte entlang. Zwei schwere Flügel aus dunklem Holz, die Scharniere aus Eisen und mit Verzierungen aus Bronzeplatten. Sie zeigten verschiedene Tierköpfe, in der Mitte, quer über beide Flügel, war eine Schreibfeder zu erkennen, eine Abbildung des Sternbildes des Schreibers. Alles war frisch poliert. Selbst in diesen Zeiten versäumten die Greise es nicht, eitel und überheblich zu sein.

Dunolfs Hand umschloss den schweren Eisenring. Er klopfte drei Mal. Das Geräusch hallte dunkel und bedrohlich in der dahinterliegenden Halle wider.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sich der schmale Sehspalt öffnete.

»Wer ist da?«, fragte eine heisere Stimme. »Tretet ins Licht der Laterne!«

Der Wachmann warf der Laterne, die an einer Metallstange neben der Tür befestigt war, einen abschätzigen Blick zu.

»Ihr habt mich hergerufen«, entgegnete er. »Also solltet Ihr mich auch reinlassen.«

»Woher sollen wir wissen, ob Ihr wirklich der Stadtwache angehört?«

»Ich trage ihre Rüstung. Mehr Anhaltspunkte kann Euch auch mein Gesicht nicht liefern.«

»Also schön. Nennt mir noch Euren Namen.«

»Dunolf.«

Der Sehschlitz wurde zu gerammt und jemand machte sich an metallenen Schlössern zu schaffen. Kurz danach wurde einer der schweren Türflügel aufgezogen.

»Tretet ein«, murrte ein alter Mann mit lichtem, weißen Haar. »Seid gewiss, dass Euer Hauptmann von Eurem Verhalten erfahren wird, Dunolf. Tretet Eure Schuhe ab.«

Er ging an dem Greis vorbei, ohne ihn weiter zu beachten. Als würde es irgendjemanden interessieren, wie er mit den Bibliothekaren umsprang. Die Hauptmänner und der Erl hatten alle Hände voll mit dem Bürgerkrieg zu tun. Eine Beschwerde, eine weitere Beschwerde der nörgelnden, alten Gelehrten, störte keinen von ihnen auch nur im Geringsten.

»Wart Ihr derjenige, der nach uns geschickt hat?«

Der Alte schob ächzend die Tür zu. »Natürlich war ich es! Ich bin der Erste Archivar Gromar.«

»Freut mich, Euch kennenzulernen«, sagte Dunolf lahm, während er sich in der Halle umsah.

Es war ein kalter, leerer Raum, die einzige Einrichtung bildeten einige Vitrinen und ein Schreibtisch am anderen Ende des Raums. Er zwang sich, keinen der Ausstellungskästen auch nur eines Blickes zu würdigen. Mit den hier präsentierten Schmuckstücken, Relikten und alten Waffen wollten die Alten nur Eindruck schinden und sich aufspielen. Da machte er nicht mit.

»Für einen Angriff sieht hier noch alles erstaunlich ordentlich aus«, bemerkte der Wachmann.

»Nurfos wurde angegriffen«, korrigierte ihn Gromar. »Nicht die Bibliothek selbst. Doch da er ein Teil dieser Einrichtung ist, obliegt auch er meiner Fürsorgepflicht.«

»Verstehe. Führt mich zu ihm.«

Der Erste Archivar warf ihm einen Blick aus zusammengekniffenen Augen zu. »Ihr seid jung, daher vergebe ich Euch Eure Ignoranz für die Schätze der Vergangenheit und die Weisheit, die in diesen Hallen schlummert. Doch übertreibt es nicht. Die Bibliothek hat viel Einfluss in Ler-Aras.«

Es ärgert ihn, dass ich nicht über die Vitrinen staune, dachte er triumphierend.

Dunolf folgte dem humpelnden Alten durch die Tür jenseits des Schreibtisches und einen düsteren, nur von einigen Kerzen erhellten Gang entlang. Einst mochte die Bibliothek zu Ler-Aras viel Einfluss gehabt haben, doch seit Beginn des Bürgerkrieges waren diese Zeiten vorbei. Wissen war nicht mehr so wichtig wie der Stahl und die Muskeln, die es verteidigen konnten.

Der Gang passierte mehrere schwere Türen, ehe weiter hinten flackerndes Licht zu sehen war.

»Dort ist es.« Der Erste Archivar blieb unvermittelt stehen und wandte sich zu ihm um. Streng sah er dem Wachmann in die Augen, der ihn um eine Haupteslänge überragte. »Nurfos ist noch immer traumatisiert von dem Angriff. Behandelt ihn mit dem nötigen Einfühlungsvermögen und dem Respekt, den er als Bibliothekar verdient.«

Dunolf verkniff sich einen Kommentar und nickte nur.

Als sie den erleuchteten Raum betraten, hielt er noch auf der Türschwelle inne. Es war eine gewaltige Halle, vollgestellt mit Bücherregalen. Lediglich im Eingangsbereich brannten einige Kerzen, dahinter verschwanden die Regale rasch in der Finsternis. Es war die Unwirklichkeit dieses Anblicks, die den Wachmann innehalten ließ. Sein Verstand hatte das Bild schon längst erfasst, kaum dass er den Raum betreten hatte.

Dies war eines der zahlreichen Archive. Die Bibliothek erstreckte sich über den ganzen Gebäudekomplex, mit Ausnahme einiger Räumlichkeiten für die Bibliothekare und Archivare. Schlafräume, eine separate Küche, die Kopierstube. Als es noch ein einiges Reich Nyss gab, wurde hier alles Wissen gelagert. Die einzelnen Räume waren thematisch sortiert.

Nun befand sich Dunolf das erste Mal in einem dieser Räume. Die Bibliothekare waren äußerst verschlossen und wählerisch, was ihre Besucher anging. Als könnten Ungebildetere das Wissen einfach aus den Büchern herauslesen.

Direkt neben der Tür stand ein weiterer schwerer Schreibtisch, ähnlich dem in der Eingangshalle. Einige Pergamentrollen sowie Schreibfedern und Tintenfässer waren darauf verteilt. Der Wachmann erhaschte einen Blick auf die einzig offene Rolle. Es schien eine Bestandsliste zu sein.

Vor dem Schreibtisch waren einige Hocker zusammengerückt worden. Drei alte Männer umringten einen Greis, der sich einen feuchten Lappen an die Schläfe hielt und zusammengesunken auf den Boden starrte. Einige Schritte weiter Richtung Dunkelheit sah Dunolf ein umgestürztes Stehpult und drei achtlos zu Boden gefallene Bücher. In dem Gang zwischen zwei Regalen dahinter lagen noch weitere.

»Das ist Nurfos«, unterbrach Gromar seine Gedanken.

Der Erste Archivar bedeutete den anderen Greisen, sich zu entfernen und setzte sich dann neben den Mann. »Nurfos, dies ist Dunolf von der Stadtwache. Erzählt ihm, was geschehen ist.«

Doch Dunolf wusste bereits, was geschehen war. Er zog einen Hocker direkt vor den Alten und sah ihn fest an. Nurfos hob den Kopf. Sein Gesicht hing in schlaffen Falten herunter, die Augen waren gerötet und tief in den Schädel eingesunken. Der Mann war abgemagert und alt, doch der Schreck von dem, was hier geschehen war, hatte ihn noch stärker ausgezehrt, als die letzten zehn Jahre. Sein Atem roch bitter.

Er trinkt viel Alkohol, schloss Dunolf in Gedanken.

 »Ihr wurdet angegriffen?«, fragte der Wachmann leise.

Anhand der Wunde an der Schläfe und des umgestürzten Pultes hatte er längst kombinieren können, wie sich alles abgespielt hatte, doch es war besser, den Alten zu fragen. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Menschen unwissentlich mehr Informationen preisgaben, wenn sie ihren Gegenüber für dumm hielten. Sie waren dann nicht auf der Hut.

»Es war ein großer Mann«, berichtete Nurfos mit zitternder Stimme. »Er … er ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. A… als wäre er direkt aus den Schatten geboren!«

»Was tatet Ihr so spät noch in der Bibliothek?«

»Mir oblag die Nachtwache.«

»Seit Beginn des Bürgerkrieges bewachen wir des Nachts die Gänge und Räume«, erklärte Gromar. »Zum Schutz vor Plünderern.«

»Äußerst effektiv«, bemerkte Nurfos.

»Wir haben kein Geld für bezahlte Wachen! Und eine Laterne, die durch die Gänge streift, erweckt zumindest den Anschein von Wachsamkeit. Natürlich ist niemand von uns in der Lage, einen Angriff abzuwehren, doch abschrecken können wir ihn.«

»Schon gut, schon gut«, beruhigte er den aufgebrachten Ersten Archivar. »Ich verstehe schon. Ehrenwerter Nurfos, Ihr bewachtet also diese Gänge. Und dann hörtet Ihr ein Geräusch. Bücher, die zu Boden fallen.

»Ja.« Nurfos blickte überrascht auf.

»Woher wusstet Ihr das?«, fragte Gromar.

Dunolf hätte fluchen mögen.

Er hatte es an den Büchern zwischen den Regalreihen erkannt. Jemand hatte die Regale durchstöbert und dabei die Bücher einfach zu Boden fallen lassen. Nurfos hatte dies gehört und war dem Ursprung des Geräusches nachgegangen. Als der Eindringling den Schein seiner Lampe gesehen hatte, hatte er sich im Schatten verborgen, vermutlich war er auch schwarz gekleidet gewesen. Dann hatte er den Bibliothekar niedergeschlagen, der im Fallen das Pult mit umgerissen hatte. Die Bücher zwischen den Regalen lagen hingegen zu weit entfernt, als dass er auch sie im Sturz mitgerissen haben könnte. Und der alte Mann hatte seinem Gegner sicher keinen langen Kampf geliefert.

Doch all das brauchte niemand zu wissen. Sollten die Greise ihn nur weiter für einen dummen Wachmann halten.

»Was sollte man sonst hier durchwühlen, als Bücherregale?«, murmelte er also schulterzuckend.

»Ja, ich hörte ein Geräusch«, nickte Nurfos. »Es ist komisch. Wenn man so viel Zeit mit Büchern verbringt, hört man das Geräusch ihres Fallens unter allen anderen Geräuschen heraus. Das Rascheln der Seiten, das leise Klopfen der Buchdeckel, wenn sie den Holzboden berühren. So wie sich Euch gewiss das Geräusch klirrender Schwerter in den Kopf brannte. Man wird empfindlich für dieses Geräusch.«

Dunolf nickte. »Und dann? Ihr seid hierhergekommen?«

»Genau. Ich habe gerufen, doch niemand antwortete mir.«

Nicht nur der Lampenschein, auch noch nach dem Einbrecher rufen, dachte der Wachmann. Selbst für einen Bibliothekar erstaunlich naiv.

»Doch niemand antwortete mir«, wiederholte Nurfos. »Dann sah ich die Bücher hier am Boden liegen. Ich dachte erst an einen Büchersturz.«

»Büchersturz?«

»Die Regale aus Holz verziehen sich mit der Zeit«, erklärte Gromar. »Das Holz ›arbeitet‹, wie man es nennt. Dabei kann es passieren, dass sich die Bretter so verziehen, dass Bücher einfach herausfallen. Vor zehn Jahren ist einmal ein ganzes Regal über einem Bibliothekar zusammengebrochen. Wie eine Lawine in den Bergen sind die Bücher auf ihn niedergegangen. Er starb. Einige der Bücher sind sehr schwer, wenn sie jemanden aus dieser Höhe auf den Kopf fallen, ist das wie der Treffer mit einem Stein.«

»Ich verstehe. Doch dies hier war kein Büchersturz.«

»Nein. Ich sah eine Bewegung und näherte mich vorsichtig dem Gang. Gleich der hier drüben. Dann traf mich etwas am Kopf und ich stürzte. Das nächste, woran ich mich erinnere ist, wie meine Brüder mit aufhalfen.«

Dunolf schwieg eine Weile und ließ den Alten wieder zur Ruhe kommen. Der Bericht hatte ihn aufgewühlt und er atmete schwer.

»Konntet Ihr den Angreifer erkennen?«, fragte er schließlich.

Wenn er eine Suchmeldung, einen Steckbrief herausgeben wollte, brauchte er zumindest eine Beschreibung. Auch wenn vermutlich nichts geschehen würde.

»Ich habe ihn nur ganz kurz gesehen …«

»Trug er einen schwarzen Mantel?«, fragte eine tiefe Stimme vor der Tür.

Dunolf sprang auf und griff instinktiv nach seinem Schwert. Auf der Schwelle stand ein kleiner Mann, der ihm kaum bis zur Brust reichen konnte. Er trug alte, aber wetterfeste Kleidung und einen Rucksack. An seinem Gürtel hingen ein Schwert und ein Köcher für Armbrustbolzen. Das Gesicht war größtenteils von einem schwarzen Bart verdeckt, in dem Dunolf deutlich grausilberne Strähnen erkannte. Der Mann hielt eine kunstvoll gefertigte Pfeife in den Händen, die den penetranten Geruch nach Pfeifenkraut verteilte.

»Das Rauchen ist hier untersagt!«, protestierte der Erste Archivar.

»Wie seid Ihr hier hereingekommen?«, fragte Dunolf.

»Die Tür war offen«, antwortete der Fremde, während er näher trat. Er wirkte kein bisschen besorgt.

Der Mann log ganz offensichtlich. Doch es war etwas anderes, das Dunolf stutzen ließ.

»Seid Ihr … Seid Ihr ein Zwerg?«

Der Bärtige nahm die Pfeife aus dem Mund und starrte zu ihm hoch. »Nein, eigentlich bin ich ein Riese. Ich bin nur noch im Wachstum.« Dann wandte er sich zu Nurfos, der sichtlich verstört war. »Beantwortet meine Frage, alter Mann. Trug er einen schwarzen Mantel?«

»Ich … ich weiß nicht. Vielleicht. Es war dunkel, ich konnte ihn kaum erkennen. Es ging so schnell.«

Der Zwerg griff in die Innentasche seiner Weste und zog ein altes, zerknittertes Stück Papier heraus, das er dem Bibliothekar unter die Nase hielt.

»Sah er so aus?«, fragte er barsch.

Der Alte starrte das Bild an und zitterte immer stärker. »J… Ja!«, quiekte er.

»Spitze«, knurrte der Zwerg und ließ das Bild wieder verschwinden.

Dann machte er auf dem Absatz kehrt und schritt davon.

Dunolf hatte jedoch der kurze Blick genügt, um das Papier erkennen zu können. Es war ein Steckbrief und er musste uralt sein. König Aaron hatte ihn einst ausgestellt, vor über einhundert Jahren. Gesucht wurde dort ein Mann, dessen Gesicht von einer Kapuze und einem Tuch verhüllt wurde. Doch ein Name hatte darunter gestanden. Ein Name, den Dunolf noch nie gehört hatte, obwohl die Belohnung von dreihundert Therin dafür sprach, dass es sich um einen äußerst gefährlichen Mann handelte.

Der Name lautete Sorokil.