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Unverkäufliche Leseprobe aus:

Kristofer Hellmann

Der Weltenbund

Band 1 der Zeitenstrahl-Saga

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar.

24. Eldonar 2Ä1888

Vorzeichen

Auszug aus »Die Feinde von außen, Band II«

Königliche Bibliothek im Westflügel von Schloss Nyss

Es wird viel über die sogenannten ›Inneren Feinde‹ berichtet. Hexen, Verräter, Volkshetzer und viele weitere. Doch dürfen wir die Feinde, die von außen an unseren Grenzen rütteln nicht vernachlässigen!

Beginnen möchte ich mit den Delmori aus dem Norden. Diese dürren, skrupellosen und hinterhältigen Mörder schmieden schon seit Langem Pläne, das leuchtende Nyss zu verschlingen. Es gibt wenige, die einem Delmor begegnet sind und davon berichten können, doch diese wenigen Zeugen geben eine klare Beschreibung dieser finsteren Wesen ab: Sie seien groß und schlank, geradezu abgemagert. Sie hätten eine ungesund weiße Haut und häufig glutrote Augen. Im Kampf führen sie furchterregende, exotische Waffen, die unmöglich von dieser Welt sein können. Dies sagen besonders die weniger gebildeten Zeugen, die ich

befragte und ich traue ihrer Einschätzung ob der Möglichkeit oder Unmöglichkeit dieser Waffen wenig. Dennoch wollte ich diese Beschreibung nicht unterschlagen. Gerüstet seien die Delmori nur sehr leicht, oft tragen sie wohl nur spärliche Arm-, Bein-, Brust- und Lendenschützer.

Die Delmori kämpfen mit überragender Geschwindigkeit und wissen sich häufig nur mit feiger und hinterhältiger Magie zu helfen. In diesen beiden Aspekten, der Wendigkeit im Kampf und der Magiebegabung, ist unser Volk dem ihren aufgrund der Unterschiede in unserer und ihrer Natur völlig unterlegen!

Bekannt über die Delmori ist außerdem, dass sie ihre Gefangenen foltern und sich an ihren Qualen laben. Gerüchte, die besagen, dass einige Delmori Menschenblut trinken, kann ich hier weder bestätigen noch widerlegen. Doch ist diese perverse Grausamkeit nicht auszuschließen und absolut denkbar.

Dasselbe gilt für die Fähigkeit durch Wände zu gehen, die diesen Nachtwesen nachgesagt wird.

Ihr fragt Euch sicher, warum ich die Delmori ›Nachtwesen‹ nenne. Dies hat seinen Ursprung darin, dass sie die Dunkelheit der Nacht dem hellen Schein der Sonne vorzuziehen scheinen. Begegnungen mit ihnen, und auch ihre Angriffe, fanden in der Vergangenheit ausschließlich des Nachts statt.

Die Festung der Delmori, der Sichelturm, liegt hoch im Norden, wie ich eingangs bereits andeutete. Doch noch kein Abenteurer, der sich auf die Suche danach begab, ist je zurückgekehrt. Daher sind auch jedwede Informationen über diesen Ort letztendlich nicht vorhanden.

Doch sind die Delmori nicht die einzige Gefahr, die jenseits unserer Küsten lauert.

Ein ebenso gefährlicher, doch weit brutalerer und zahlreicherer eind sind die Morgs im Osten unseres wunderschönen Reiches. Diese primitiven, schmutzigen Wesen fallen wie tollwütige Wölfe über ihre Opfer her und zeigen weder Gnade noch Mitgefühl. Die geschlitzten Pupillen in den gelben Augen funkeln vor Hass und ihre schlammgraue Haut und ihr ungepflegtes Äußeres lassen jeden, der sie betrachten muss, vor Ekel zurückschrecken.

Geführt wird diese blutrünstige, widerwärtige, menschenfressende Meute von so genannten Thraks, die die einfache Bevölkerung nur ›graue Riesen‹ nennt. Die Thraks haben einen ähnlichen Körperbau wie Menschen, doch überragen sie selbst den größten Mann noch um eine Haupteslänge, wenn nicht mehr! Sie tragen keine Rüstung, doch ist ihre Haut hart wie Stein und nicht einmal die grässlichsten Wunden vermögen einen Thrak aufzuhalten, ist er erst in einen Blutrausch verfallen. Ihr furchterregendes Äußeres unterstreichen sie oft mit hoch aufragenden Haarkämmen auf dem Kopf. Ihre Gesichter sind von unzähligen Wunden vernarbt, denn das Volk der Thraks ist ein überaus brutales Volk. Hier gilt ein Junge erst dann als Mann, oder wie immer sie die vollwertigen Mitglieder ihrer barbarischen Gesellschaft nennen, wenn er sich im Kampf bewährte. Selbiges gilt übrigens auch für Thrak-Frauen! Einen Thrak im direkten Kampf gegenüberzustehen wird oft beschrieben, als blicke man in das hässliche Antlitz des Todes selbst.

Diese Ungetüme vermögen außerdem angeblich ganze Bäume zu entwurzeln und Häuser mit ihren bloßen Händen niederzureißen. Ein Soldat, der einen Kampf mit solch einem Monster überstand, berichtete, es sei, als kämpfte man gegen die Urgewalten der Erde.[...]

Bostorad brannte.

Morgs und Delmori stürmten plündernd durch die Straßen, schlachteten die Menschen ab wie Vieh, einen nach dem anderen. Er

sah, wie einer Frau eine stumpfe Axt in den Rücken gerammt und einem Mann bei lebendigem Leibe ein Bein ausgerissen wurde.

Er rannte, spürte die Hitze des Feuers auf seinem Gesicht. Er schloss die Augen, doch die Bilder waren bereits in seinem Kopf eingebrannt.

Leichen, überall Leichen.

Er musste hier weg! Er musste fliehen, so weit fort wie möglich!

Er rannte auf die Stadtmauer zu. Das Tor stand offen.

Nur noch wenige Schritte.

Er musste weg.

Plötzlich erschien eine Gestalt außerhalb der Stadtmauer, groß wie ein Turm, über zwanzig Schritt hoch. Sie war in ein schwarzes Gewand gehüllt, die dunklen Haare rahmten das schmale Gesicht ein und verbargen es vor dem Licht des Vollmondes.

Ambar blieb entsetzt stehen, als die riesige Gestalt den Kopf drehte und ihn bemerkte. Langsam und unaufhaltsam beugte sie sich nach vorn, über die Stadtmauer hinweg, als wolle sie den kleinen Menschen auf der Straße näher in Augenschein nehmen.

»Starker Überlebenstrieb«, sagte sie mit heiserer, zischender Stimme, bevor sie sich laut lachend in den Himmel streckte.

Ambar brach zusammen, die Hände auf die Ohren gepresst, doch es half nicht. Er konnte das Lachen nicht aussperren. Es fühlte sich an, als gieße jemand flüssiges Eis durch seine Ohren direkt in ihn hinein. Er schrie. Das Lachen brannte in seinem Kopf. Er schrie noch lauter, doch die riesige Gestalt übertönte ihn mühelos.

»Ambar«, rief eine sanfte Stimme. »Ambar, wach auf!«

Er schlug die Augen auf und wurde geblendet. Ambar schloss die Augen wieder und wartete. Es war bereits Morgen und die Sonne schien durch eines der Fenster ins Zimmer. »Ambar, bist du in Ordnung?«

Er saß schweißüberströmt in seinem Bett, noch immer hektisch atmend.

»Komm zu dir, bitte!«

Ambar beruhigte sich langsam. Er atmete tief ein und wieder aus. Sein Herzschlag verlangsamte sich und seine Hände hörten auf zu zittern. Er fuhr sich über die Augen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ist alles in Ordnung?«, wiederholte die Stimme.

Er schlug die Augen auf.

Sylvia, seine Schwester, stand neben seinem Bett und blickte ihn angsterfüllt an. Sie musste schon länger wach sein, denn sie trug bereits ihr grünes Lieblingskleid und hatte ihre Haare gerichtet. Die goldblonden Locken fielen ihr über die Schultern und rahmten ihr zierliches Gesicht mit den leicht geröteten Wangen und den grünen Augen auf eine Weise ein, für die Ambar nur ein Wort kannte: Wunderschön.

Er nickte. »Nur ein Albtraum«, versicherte er.

»Ambar, du hast mir einen Schrecken eingejagt«, sagte Sylvia vorwurfsvoll.

Sie richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüfte. Ihre Lippen formten einen perfekten Schmollmund.

Ambar stieg wacklig aus dem Bett und zog sich an.

»Das wollte ich nicht«, versicherte er und küsste sie auf die Stirn.

Seine Schwester ließ es geschehen und lächelte.

»Du hast übrigens verschlafen«, bemerkte Sylvia neckend. »Das Frühstück hast du verpasst.«

»Das hatte ich befürchtet.«

Er hatte nach diesem Traum ohnehin keinen Hunger, doch er wollte Sylvia nicht weiter beunruhigen. Also setzte er sein wehleidigstes Lächeln auf. »So ein Ärger« sollte es sagen.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schob ihr Gesicht neben seines.

»Mutter hat dir etwas aufgehoben«, flüsterte Sylvia. »Aber sag es nicht Vater.« Sie zwinkerte und verschwand hinter der dünnen Stellwand, die ihren Schlafbereich von Ambars abtrennte.

Ein echtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er sie um die Ecke huschen sah. Wie schnell die Zeit doch verging! Es schien noch gar nicht so lange her, da hing sie wie eine Klette an seinem Bein und wollte ihn und seine Freunde immer dazu überreden, mit ihr und ihren Puppen zu spielen. Regelmäßig hatte sie ihn in den Wahnsinn getrieben, diese nervtötende kleine Schwester! Und nun ... nun wurde auch sie erwachsen, interessierte sich für die Nachbarsjungen und hatte Vater sogar dazu gebracht, diese Trennwand aufzubauen.

»Eine Frau braucht ihren privaten Raum!«, hatte sie verkündet.

Und sie hatte ihn tatsächlich um den Finger wickeln können! Obwohl ihr das noch nie schwer gefallen war, doch jetzt erst schien sie sich dessen bewusst zu werden.

Ambar vertrieb die Gedanken mit einem energischen Kopfschütteln. Er klang schon wie seine Eltern, wenn sie darüber sprachen, wie schnell er doch erwachsen geworden war!

»Die Krankheit des Älterwerdens«, murmelte er, als er die Treppe hinunterstieg.

Im Erdgeschoss seines Elternhauses waren alle Fenster weit geöffnet, um die kühle Morgenluft des ausgehenden Sommers hereinzulassen. Aus dem Garten erklang das Geräusch einer Schaufel, die wieder und wieder in die Erde getrieben wurde. Irgendwo klapperten Hufe über die Straße.

»Ambar?«, rief eine Stimme von irgendwoher.

Er ließ ein langgezogenes »Jaa!« erklingen und schlenderte zur Kochnische. Seine Mutter wischte sich ihre Hände an der makellos weißen Schürze ab, als er näher trat.

»Da bist du ja endlich!«, rief sie aus. »Ich fing schon an mir Sorgen zu machen!«

Ambar grinste nur. Wie ähnlich sie und seine Schwester sich sahen, besonders jetzt, wo auch seine Mutter demonstrativ die Hände in die Hüften stemmte. »Wir sind bereits fertig mit Frühstücken, du bist zu spät!«

Ambar setzte sich an den Tisch und starrte seine Mutter ausdruckslos an.

Eine Weile rührte sich keiner von beiden, dann seufzte sie und ließ die Schultern hängen. »Du hast gewonnen, aber sag es nicht deinem Vater.«

Wieder musste Ambar über die Ähnlichkeit grinsen. Er setzte gerade noch rechtzeitig eine ernsthafte und überaus dankbare Miene auf, als seine Mutter mit einem Holzbrett mit zwei Broten darauf zu ihm trat.

Er hatte niemals herausgefunden, wieso, doch die Brote seiner Mutter schmeckten immer besser als die, die er sich selbst machte. Das galt für jedes Essen, auch wenn er mit den anderen im Wald unterwegs war und sie ein Kaninchen erlegt hatten. Ambar beschloss, dass seine Mutter eine Magierin sein musste.

Schnelle Schritte trippelten die Treppe hinter ihm hinunter, dann fegte ein grüner Wirbelwind durch das Erdgeschoss zur Tür.

»Mutter, ich bin draußen!«, verkündete der Wirbelwind mit Sylvias Stimme.

»Warte, du ...« Doch schon fiel die Tür ins Schloss.

Seine Mutter seufzte und wischte sich wieder die Hände ab. Wieso war die Schürze noch immer so weiß, wo sie sich ständig die Hände daran abwischte? Noch so ein Zauber der Mutter-Magie!

»Es ist ihr sechzehnter Sommer«, sagte Ambar zwischen zwei Bissen.

Lindia sah ihn sorgenvoll an. »Sie trifft sich mit Derians Sohn, oder?«

Ambar rührte sich nicht.

»Ich war auch mal jung«, erklärte seine Mutter. »Auch wenn ihr euch das nicht vorstellen könnt! Und ich weiß, dass du es weißt. Derians Sohn, habe ich recht?«

Ambar zuckte mit den Schultern und biss noch einmal ab. »Es ist ihr sechzehnter Sommer«, wiederholte er nur.

»Und mit sechzehn ist man jung und dumm. Versprich mir, dass du auf sie aufpasst, ja?«

»Wir sind hier in Bostorad, Mutter, und nicht in Ler-Aras. Sylvia ist schlau genug, um Idioten zu erkennen. Das weißt du, schließlich ist sie deine Tochter.«

»Du hast recht«, seufzte seine Mutter. »Ich weiß, ich mache mir zu viele Sorgen, aber hab du erst einmal Kinder in dem Alter!«

»Krieg ich noch eins?«, fragte Ambar und hielt ihr das Brett unter die Nase. »Ein Brot, meine ich.«

»Ambar Andorssohn!«, polterte seine Mutter plötzlich. »Du verschwindest sofort von hier! Du folgst jetzt deiner Schwester und bist ein guter großer Bruder und passt auf, dass sie keine Dummheiten macht und vor allem ihr Kleid sauber bleibt! Und jetzt raus mit dir!«

Ambar stellte das Holzbrett hin und versuchte, möglichst mitleiderregend auszusehen.

Wortlos griff seine Mutter nach dem hölzernen Kochlöffel und hob ihn über den Kopf.

Ambar sprang vom Stuhl und folgte dem Wirbelwind.

11. Hinnalar 2Ä1888

Gejagt

Er lehnte den Kopf an den Baumstamm und atmete schwer aus. Um ihn herum war es still. Lediglich einige Raben sprangen durch die Äste um ihn herum, die Blicke neugierig auf den Waldboden gerichtet. All die anderen Tiere würden erst in ein paar Stunden zurückkehren.

Die Gestalt schloss die Augen.

Ruhe.

Endlich herrschte wieder Ruhe.

Der Kampf hatte nicht lange gedauert, doch er hatte den Wald in Aufruhr versetzt. Jetzt lagen sieben Leichen im Unterholz.

Die Gestalt öffnete die Augen und sah von seinem Ast hinab. Es schien sich um einfache Bauern zu handeln, der eine war vielleicht ein Jäger. Sie trugen einfache, zerschlissene Kleidung, zwei von ihnen hatten immerhin alte Kettenhemden besessen. Doch auch die hatten bereits Rost angesetzt. Ebenso wie die Waffen, die sie bei sich trugen. Einfache Schwerter, alt und stumpf. Einer von ihnen war mit einer Heugabel auf ihn losgegangen, ein anderer hatte sogar eine Spitzhacke geschwungen. Die Gestalt schnaubte verächtlich. Das waren keine Soldaten. Und dennoch hatten sie sich hier in den Wald gewagt, mit dem Ziel, ihn anzugreifen, ihn zu töten. Hatten sie nicht gewusst, wie viele Menschen bereits den Alten Wald betreten, doch nie wieder verlassen hatten?

Doch, sie hatten es gewusst. Aber sie waren das Risiko eingegangen, aus einem einfachen Grund.

Er betrachtete das Blatt Papier, das er vor sich auf dem gewaltigen Ast ausgebreitet hatte. Es war zerknickt, vergilbt und an etlichen Stellen eingerissen. Ein dunkler Fleck zog sich quer darüber, vermutlich von einem verschütteten Getränk. Doch die Schrift war noch deutlich zu erkennen.

Es war eine Jagderlaubnis. Eine Jagderlaubnis auf Menschen. Sie versprach eine Belohnung von dreihundert Therin für die Gefangenname oder bewiesene Tötung eines Mannes, den der Steckbrief ›Sorokil‹ nannte.

Sorokil.

Diesen Namen hatten auch die toten Männer unter ihm immer wieder gerufen.

Er betrachtete die Zeichnung auf dem Papier. Es zeigte das Porträt von jemandem, dessen Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. Man konnte nicht einmal erkennen, ob es sich bei der Person um eine Frau oder einen Mann handelte. Dennoch suchten die Menschen hier nach dieser Person.

»Ich bin Sorokil«, flüsterte die Gestalt zu sich selbst.

Sie hatten keinen anderen Grund, so tief im Wald nach dem Vogelfreien zu suchen.

Er ließ den Steckbrief los und sah zu, wie der Wind ihn durch die Blätter davontrug. Der Waldläufer, der entkommen war, musste diese Beschreibung weitergegeben haben. Und nun setzte der König des Landes jenseits des Waldes eine Belohnung auf ihn aus.

Die Gestalt fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

Er fürchtete nicht, dass sie ihn jemals erwischen würden. Die Bauern eben hatte er innerhalb von Minuten getötet, sie hatten ihn nicht einmal sehen können. Hier im Wald war er jedem überlegen und er hatte keinen Grund, den Schutz der Bäume zu verlassen. Doch er wusste, dass jetzt immer mehr Glücksritter, Söldner, Kopfgeldjäger und arme Bauern kommen würden. Die Belohnung würde sie anlocken, entweder aus Habgier oder Verzweiflung.

Sein einziges Ziel war Ruhe. Doch die würde er nun nicht mehr haben.

Seine Finger schlossen sich um seinen Bogen. Er erhob sich und machte sich zum Sprung bereit.

Er musste nur dafür sorgen, dass die Angst der Menschen stärker wurde, als ihre Gier.

»Und wenn ich jeden einzelnen von euch töten muss«, zischte er. »Ihr werdet es nicht mehr wagen, diesen Wald zu betreten!«

30. Hinnalar 2Ä1888

Die Mündung des Lailei

haltet euch bereit!«

Ambar folgte den Kriegern eilig durch die Nacht. Der Mond stand hell und weiß am Himmel und tauchte die Gruppe in gespenstisches Licht. Sie bewegten sich lautlos und fließend an der Flanke des Hügels entlang, wie eine Prozession ruheloser Geister, die verschiedenfarbigen Ponchos flatterten hinterdrein.

Ambar spürte, wie sein Puls raste. Es war eine Aufregung, die er lange nicht mehr gespürt hatte. Der Kitzel der Jagd, der

ersten Jagd. Sicher, er hatte schon früher Morgs, Delmori und Thraks angegriffen, doch dieses war sein erster Einsatz als Ordenskämpfer. Und obwohl seine Aufnahme erst etwas mehr als einen Monat zurücklag, so hatte sich seitdem doch so vieles verändert.

Die zahllosen Übungskämpfe unter der Leitung von Higref hatten seine Fähigkeiten weit mehr verbessert, als er zu träumen gewagt hatte. Der ruppige Mann war an der Ostküste aufgewachsen und hatte Ambar und die anderen Ordenskämpfer, die erst seit Kurzem dabei waren, so lange und so hart im Umgang mit der Klinge trainiert, bis ihnen Blut und Schweiß nur so von den Körpern tropften. Ambar hatte mehr als einmal das Gefühl gehabt, seine Gliedmaßen nie wieder bewegen zu können. Da der Orden viele Kräuterkundige und Heiler hatte, wurden auch die Übungskämpfe schnell mit scharfer Klinge durchgeführt. Higref behauptete stets, dass die ›Jünglinge‹ so auch am schnellsten Fortschritte machten. Und er hatte recht behalten. Nie war er härter

trainiert worden, denn wenn Higref sah, dass sie sich zurückhielten, griff er selbst in den Kampf ein. Und die Art wie er seinen Zweihänder schwang, hatte Ambar gezeigt, wie viel er selbst noch zu lernen hatte.

Doch der Orden hatte ihn nicht nur im Kampf mit Schwert, Axt und Speer unterrichtet, die alte Dame Nelliana gab außerdem Unterricht in Kräuterkunde und Alchemie. Und obwohl Ambar kaum die Blumen seiner Mutter von dem Unkraut, das er hatte jäten müssen, unterscheiden konnte, so wusste er nun zumindest, wie er einfache Wunden heilen konnte.

Etwas erfolgreicher war er bei den Zaubern gewesen. Es war der frustrierendste und gleichzeitig der interessanteste Unterricht gewesen.

Mit dem Schwert hatte Ambar schon früher gekämpft und obwohl Higref seine Fähigkeiten um so vieles gesteigert hatte, so hatte die Magie der Ordenskrieger Ambar doch stärker in den Bann gezogen. Vermutlich weil er sich schon früher, wie vermutlich alle Kinder, immer gewünscht hatte, zaubern zu können. Doch es zu lernen war anstrengend und frustrierend. Übte man den Schwertkampf, so war man hinterher erschöpft und hatte Schwielen an den Händen. Übte man das Bogenschießen, so konnte man sich darüber freuen, wenn endlich ein Pfeil näher am Mittelpunkt der Scheibe lag, als der vorherige. Doch beim Zaubern gab es nichts dergleichen. Man bekam keine Muskelschmerzen und hatte auch keine Wunden und ein Zauber gelang

entweder oder schlug fehl. Dazwischen gab es nichts. So hatte Ambar Tag um Tag und Woche um Woche damit verbracht, sich stumm zu konzentrieren und zu versuchen, die magischen Energien in sich selbst anzuzapfen. Doch dafür musste man sie erst einmal finden.

Am Ende war es ihm plötzlich ganz leicht gefallen. Es war, als habe er die ganze Zeit an einer Tür gezogen, bis er festgestellt hatte, dass er sie aufschieben musste. Und nun konnte er kleine Feuerbälle und Eisstachel aus seinen Handflächen erschaffen und genug Nebel heraufbeschwören, um wenn nötig, seine Flucht zu decken.

»Wir sind da«, flüsterte eine Stimme an der Spitze des Zuges.

Die Ordenskrieger versammelten sich zu einem engen Kreis. Sie waren zu acht unterwegs, drei Frauen und fünf Männer. Drei Neulinge: Ambar, Dikto aus Ler-Aras und ein nervöser Rotschopf namens Feredol aus Feghaim, einem kleinen Bauerndorf im Nordosten Bostorads. Außerdem vier erfahrene Ordenskrieger, Grehgohr, Merina und ihre Schwester Jedina und ein älterer Magier, dessen Namen Ambar vergessen hatte. Angeführt wurden sie von Lussella, einer schwarzhaarigen Kriegerin, die ihre beiden Schwerter schwang, als würde sie seit ihrer Geburt nichts anderes tun.

»Ich kann sie hören«, flüsterte Feredol mit bebender Stimme. Ambar lauschte in die Stille hinein und tatsächlich hörte auch er

etwas. Stimmen, die wild durcheinander riefen. Hier und da ein Brüllen. Metall schlug auf Metall.

»Wir sind ganz nah«, hauchte der Rotschopf mit weit aufgerissenen Augen.

»Ruhe dahinten!«, zischte Lussella. »Sie sind hinter diesem Hügel, verstanden? Was ihr da hört ist Schlachtenlärm. Das sollte für keinen von euch neu sein.«

Sie blickte streng in die Runde, doch niemand sagte etwas. Jeder von ihnen hatte schon einmal gekämpft, sonst hätte der Orden sie nicht aufgenommen, doch es war für die drei Neulinge das erste Mal, dass sie einem Feind in den Rücken fielen, zumindest mit einer derart kleinen Gruppe gegen eine derart große Gruppe.

»Was erwartet uns hinter dem Hügel?«, fragte Ambar leise. Er versuchte, seiner Stimme einen sachlichen Ton zu verleihen, doch da er flüstern musste, klang er wie ein ängstliches Kind.

»Zwei Schiffe haben an beiden Seiten der Flussmündung angelegt. Genauer gesagt haben sie sie an den Strand gezogen. Es sind Morgs, vermutlich auch einige Thraks. Ein Trupp königlicher Soldaten greift sie bereits an. Sie werden von Hauptmann Belian geführt, wenn wir richtig informiert sind. Er ist kein brillanter Stratege, aber er weiß mit dem Schwert und mit Soldaten umzugehen. Wir werden uns ohnehin nicht weiter mit den Leuten in Rüstungen beschäftigen. Wir werden den Morgs in die Flanke fallen und uns zu den Schiffen durchschlagen. Merina, Jedina und Dungian, ihr werdet sofort den Fluss überqueren. Das Frischfleisch hier und der Rest kümmert sich mit mir um das Schiff an diesem Ufer. Wir werden euch alle Feinde vom Hals halten. Oberstes Ziel ist die Zerstörung der Schiffe.«

»Warum?«, platzte es aus Dikto heraus.

Ambar dachte, Lussela würde ihn mit ihrem Blick töten.

»Weil«, antwortete Grehgohr an ihrer Stelle. »Wir nicht zulassen dürfen, dass diese Kreaturen einen Stützpunkt an der Flussmündung errichten. Der Lailei ist so etwas wie die Pulsader Nyss‘. Sie könnten nicht nur direkt bis nach Echrako und damit in die Mitte des Reiches gelangen, sie würden das Land in zwei Hälften spalten. Weißt du, Junge, tu einfach, was man dir sagt! Ist für alle das Beste.«

Dikto nickte und senkte den Blick. Ambar stieß ihn mit dem Ellenbogen an und warf ihm einen aufmunternden Blick zu. Dikto war kein Soldat, aber er hatte im Alleingang sein Dorf vor einem halben Dutzend Morgs beschützt. Er war ein guter Kämpfer, er wusste es nur noch nicht.

»Alle bereit? Dann los. Über den Hügel und einfach geradeaus. Sucht nach Deckung, wenn möglich. Wir müssen sie überraschen.«

Sie folgten ihrem Hauptmann die sanfte Erhebung hinauf.

Ambar stellte sich vor, wie er alleine diesen Weg nahm, ohne dass eine Schlacht auf ihn wartete. Es wäre ein schöner Ort, um die Sterne zu betrachten und dem Zirpen der Grillen zu lauschen. Doch als er die Hügelkuppe erreichte, war seine vorgestellte Idylle wie weggeblasen. Mit einem Schlag schwoll der ferne Kampfeslärm zu einem wahren Orchester aus Schlägen, Hieben, Geschrei und Gebrüll an. Unter ihm rangen Körper im Mondlicht miteinander. Er sah Klingen aufblitzen und hörte das ekelerregende Geräusch von brechenden Knochen und Stahl, der durch Fleisch schnitt.

»Los!«

Ohne Kampfschrei rannten die Ordenskrieger den Hügel hinab. Klingen wurden gezogen und Fäuste geballt, in denen jederzeit Feuer, Blitz und Eis entstehen konnten.

Die Soldaten Hauptmann Belians schienen die Krieger schon von weitem zu erkennen, denn plötzlich brach Jubel aus.

»Diese verdammten Narren!«, fluchte Lussella.

Ambar jedoch musste grinsen. Noch vor etwas mehr als einem Mond war er es gewesen, der gejubelt hatte, wenn die Krieger in den blauen, braunen und weißen Ponchos auf dem Schlachtfeld erschienen waren. Nun jubelten andere ihm zu.

Doch sein Grinsen verflog augenblicklich, als ihm klar wurde, warum Lussella die Soldaten verflucht hatte. Vor ihnen wedelte ein Thrak mit den Armen und brüllte den Morgs Befehle zu. Die stumpfen Kreaturen formierten sich zu einer krummen Kampfeslinie, um ihren neuen Feinden zu begegnen.

»Dungian!«, rief Lussella über den Lärm hinweg. »Eine Bresche!«

Der Magier nickte und presste die Handflächen aufeinander. Gleichzeitig schossen die beiden Schwestern den Morgs eine Reihe

kleiner Feuerbälle entgegen. Die Bestien gingen hinter ihren Schilden in Deckung und der Angriff verpuffte.

Doch dann steckte der Magier die Hände aus. Die Erde erbebte und eine unsichtbare Macht pflügte durch die Erde und hinterließ einen breiten Graben. Die Schlachtlinie der Morgs wurde auseinander geschleudert. Sie schrien, während sie wie Spielzeug durch die Luft gewirbelt wurden, ohne überhaupt zu wissen, was sie da getroffen hatte.

Ambar lief mit offenem Mund weiter. Wenn Dungian solch eine Macht aus seinen Händen entfesseln konnte, was vermochten dann erst die großen Magier mit ihren Stäben?