Unverkäufliche Leseprobe aus:

Kristofer Hellmann

Der Rat des Doppelsterns

Band 4 der Zeitenstrahl-Saga

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Prolog

Es war Nacht. Es musste Nacht sein. Andernfalls hätte er das Zischen gehört, als die ledrige Haut durch das Licht brach. Das Licht … Es kam nur in schmalen Streifen in die Höhle und durchschnitt die Dunkelheit wie Messerklingen. Weißes Licht, kaltes Licht. Das Licht eines Mondes. Womöglich Vollmond. Wie lange hatte er den Mond schon nicht mehr gesehen? Jahrhunderte, länger wahrscheinlich.

Ein Geräusch zu seiner Rechten. Er brauchte sich nicht umwenden, seine Ohren waren gut genug, und in der Dunkelheit konnte er ohnehin kaum etwas sehen.

Da! Noch ein Geräusch, zu seiner Linken! Er lächelte. Versuchst, dich von hinten an mich heranzuschleichen, was? Du solltest es besser wissen. Er sprang nach vorn und drehte sich. Er sah gerade noch einen Wirbelwind aus Haut und Klauen auf sich zu fliegen, glitzernd in den Lichtbahnen des unsichtbaren Mondes. Dann ein Schlag. Ein Kreischen, ohrenbetäubend, doch er hatte sich daran gewöhnt.

Er brüllte und schlug ebenfalls zu, täuschte einen Angriff mit Links an, aber natürlich war sein Gegner darauf vorbereitet. Dann ein Angriff von rechts. Ein alter Trick, er funktionierte immer wieder.

Doch nicht dieses Mal. Sein Gegner wich aus, prallte dabei aber gegen einen Stalaktiten, der unter der Wucht des Aufpralls zerbrach. Sofort setzte er nach. Sein Sprung führte ihn mitten durch eine der Lichtsäulen. Das helle Licht. Es blendete ihn, wenn auch nur für den Bruchteil eines Augenblicks. Als er in dem Zwielicht wieder etwas erkennen konnte, war die Höhle wie ausgestorben. Wie ausgestorben. Er wusste, dass es nicht so war.

Er knurrte. Ein tiefes, kehliges Knurren, das von den Wänden zurückgeworfen wurde wie Donnergrollen. Eigentlich ein sinnloses Geräusch, denn sein Gegner kannte ihn gut genug, so wie er auch seinen Gegner kannte. Sie waren längst darüber hinaus, sich gegenseitig einzuschüchtern. Nein, dieses Knurren hatte einen anderen Grund. Er wusste, dass es seinen Gegner verwirrte wie ein Schlag gegen den Kopf.

»Komm her!«, brüllte er in das Zwielicht. Als Antwort erntete er Stille.

Dann ein schrilles Kreischen. Ein Flattern, dumpf und dunkel wie die Luft in der Höhle. Er wirbelte herum, etwas traf ihn vor der Brust und warf ihn zurück. Lederne Schwingen strichen über sein Gesicht. Eine Kralle fuhr über sein linkes Auge. Er riss das Maul auf und biss zu. Seine Zähne gruben sich in etwas Weiches. Er zerrte daran.

Dann prallte er zu Boden. Weiter rechts ertönte ein ähnlicher Aufprall. Er sprang auf und stürmte auf das Geräusch zu. Dies war seine Gelegenheit!

Dann bebte die Erde.

Zuerst glaubte er, es wäre ein Zauber oder ein weiterer Aufprall. Vielleicht gab das Gestein endlich unter den Jahrhunderten des Kampfes nach und der Boden tat sich in diesem Moment unter ihm auf.

Nein, es war anders. Auch sein Gegner schrie. Es war also kein Trick von ihm. Sie waren beide gleichermaßen überrascht.

Das Beben wurde lauter, stärker, drängender. Er strauchelte, stürzte auf die Knie und sah sich verwirrt um. Über ihm brach die Decke auf. Der Mond stand voll und klar am Himmel. Ein wolkenloser Himmel. So etwas hatte er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, doch er konnte diesen Anblick nicht genießen, denn gleichzeitig verschwand der Boden unter ihm. Er wurde nach oben gerissen, als griffe jemand in die aufgeplatzte Höhle hinein und zog ihn heraus, wie ein Kind es mit einem Spielzeug in seiner Kiste tun würde.

Er brüllte, sah seinen Gegner unter sich verschwinden.

Dann folgte Dunkelheit.

10. Narengar 2Ä2011

Eine neue Welt

 

Im Traum zeigte sich einem die Welt stets auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Alles war irgendwie weit entfernt, die Geräusche, die Bilder, selbst die eigenen Gedanken schienen erst von irgendwo zu einem durchdringen zu müssen. Gleichzeitig bewegte man sich, ohne es zu merken. Manchmal war man einfach da. Und die Welt im Traum war auf eine fremde Art vertraut, oder auf eine vertraute Art fremd. Es waren bekannte Orte, die allerdings hier und da Unterschierde aufwiesen. Oder es waren fremde Orte, die man noch nie zuvor gesehen hatte, die einem im Traum jedoch so bekannt waren, wie die eigene Hand.

König Konfried von Piodrim fühlte sich wie in einem Traum. Er bewegte sich, ohne seine Beine zu spüren. Alle Geräusche hörte er, als wäre er mit dem Kopf unter Wasser. In seinen Ohren rauschte es. Sein Körper war seltsam taub, als gehörte er gar nicht ihm. Dazu kam, dass er völlig orientierungslos war, gleichzeitig aber wusste, dass ihm diese Umgebung vertraut war.

Es ist Sernyskal, erkannte er endlich, als sie ein markantes Gebäude mit Säuleneingang passierten. Kein Wunder, dass er seine Stadt erst nicht erkannt hatte. Die ganze Welt hing schief und außerdem war fast jedes Gebäude beschädigt. Außerdem die Dunkelheit, die über diesem Traum lag …

»He, bist du noch bei mir?«

Jemand rüttelte ihn. Dann packte eine schwielige Hand sein Kinn und hob es empor. Vor dem Hintergrund der Stadt, die so traumtypisch an ihm vorbeizog, sahen ihn grüne Augen unter zusammengezogenen Augenbrauen an.

»Nicht einschlafen, ja?«, warnte ihn der Kahlköpfige.

Dann ließ er Konfrieds Kopf los, der augenblicklich wieder heruntersank. Ein Ruck ging durch seinen Körper und sie setzten ihren Weg fort.

So etwas funktioniert auch nur im Traum, dachte er, als sein Blick auf seine Füße fiel. Er ging diese Straße entlang, doch seine Füße hingen wie die einer Marionette reglos hinab und schleiften über das Kopfsteinpflaster.

»Ihr da!«, rief der kahlköpfige Mann neben ihm. »Ruft Meister Palemo. Und du hilfst mir, den König zu tragen.«

»Ja, Herr«, antworteten zwei Stimmen im Chor.

Dann ging wieder ein Rütteln durch Konfrieds Körper und nun hing die Welt nicht mehr schief. Auch bewegte er sich jetzt schneller.

Aus weiter Ferne drang ein lautes Poltern zu ihm durch. Irgendetwas stürzte ein. Dann ein Fauchen und das triste, graue Gestein unter Konfried nahm eine kaum wahrnehmbare Rotfärbung an.

»Was war das?«, fragte eine junge Stimme ängstlich.

»Die verfluchten Graumäntel fackeln unsere Stadt ab«, antwortete der Kahlköpfige. Elueb, erinnerte sich Konfried, es ist Elueb.

»Sie tun was?«

»Sie decken unseren Rückzug, Mann! He, pass auf die Stufen auf!«

Konfried stürzte. Steinerne Treppenstufen rasten auf ihn zu. Er wollte noch die Hand heben, um die Aufprall abzufangen, doch es war zu spät. Mit der Stirn stieß er hart gegen die Kante.

»Verdammt, es tut mir leid«, jammerte die junge Stimme.

»Verfluchter Idiot! Komm auf die Beine!«

Mit einer Hand, die nicht zu seinem Körper zu gehören schien, stützte Konfried sich ab. Er erhob sich ein Stück, dann verließen ihn die Kräfte und er sank wieder auf die Stufen. Nun lag er seitlich und konnte etwas mehr erkennen.

Die Stufen, auf denen er so hilflos lag wie ein Neugeborenes, führten auf das niedrige Plateau, auf dem der königliche Palast Piodrims stand. Vor seinen Augen führte die breite Hauptstraße schnurgerade in die Ferne, bis sie in einem Wirrwarr aus Schwarz und Grau endete, hinter dem Flammen loderten. Er sah undeutliche Gestalten vor diesem Lichtschein, die sich bewegten, als vollführten sie einen komplizierten, fremdartigen Tanz.

Sie kämpfen, erkannte Konfried. Elueb sagte etwas von Graumänteln.

Er brauchte einige Augenblicke, bis er den Namen zuordnen konnte. Graumäntel. Das war eine der Söldnergruppen aus Nyss, die er angeheuert hatte. Er hatte sie angeheuert, um Piodrim zu verteidigen. Weil Piodrim angegriffen wurde! Ja, so war es!

Mit müden Augen betrachtete er die Gebäude, die sich zu beiden Seiten der Hauptstraße erhoben. In der Dunkelheit, nur erhellt von den Flammen und einigen Laternen und Fackeln, wirkten sie trostlos und tot. Die Fenster und Türen waren verbarrikadiert und hier und da lag Schutt auf der Straße.

»Mein König, seid Ihr noch da?« Eluebs Kopf schob sich in sein Blickfeld.

»Was ist passiert?«, fragte er, doch seine Zunge war schwer und viel zu groß, sodass er nur unverständlich vor sich hin nuschelte, als wäre er ein schwachsinniger Narr.

»Kommt, wir bringen Euch in Sicherheit.«

Er nickte, um zu zeigen, dass er seinen Freund verstand, doch der hatte ihn schon wieder unter den Armen gepackt und hochgezerrt. Jetzt flammte Schmerz irgendwo in seinem Körper auf. Er schrie, doch seine Lippen verließ nur ein Stöhnen.

Meine Hand!, dachte er, als er seinen rechten Arm sah. Meine Hand ist weg!

Doch nein, das war eine alte Wunde. Sorokil hatte ihm diese Hand im Alten Wald in Nyss abgeschlagen. Mit ihr hatte er auch Aliénna verloren.

Sie erklommen die Stufen und ein Soldat – vermutlich der Besitzer der jungen Stimme – eilte voran und stieß die Türflügel auf. Dahinter befand sich der Thronsaal. Die Kohlepfannen an den Säulen zu beiden Seiten waren entzündet worden und verbreiteten Licht und Wärme in dieser kalten Nacht. Eine gebückte Gestalt schlurfte zu ihnen.

»Wie geht es ihm?«, fragte Meister Palemo. »Ist er schwer verletzt?«

»Das festzustellen ist Eure Aufgabe«, entgegnete Elueb bissig.

Konfrieds Leibarzt tat so, als hätte er nichts gehört. Als Arzt war er es gewohnt, dass die Menschen gereizt reagierten, denn sie kamen verwundet und krank zu ihm. Wer behielt schon seine Nerven, wenn er oder seine Liebsten verletzt waren?

Der arme alte Mann hat sich einiges von mir anhören müssen, als er damals meinen Armstumpf versorgt hat, erinnerte sich Konfried, während man ihn über den glatten Marmorboden trug.

»Legt ihn dort hin«, sagte Meister Palemo und deutete auf eine der Säulen. »Ja, genau dort.« Einige Decken waren neben einer Kohlepfanne ausgebreitet worden.

»Er ist benommen und desorientiert«, berichtete Elueb, nachdem er den König abgelegt hatte.

»Das kommt gewiss von der Verletzung an der Stirn.«

»Nein, die stammt daher, weil der Bursche da drüben auf der Treppe gestolpert ist und Konfried auf die Stufen fiel. Er war schon vorher so.«

Palemo zog ein kleines, scharfes Messer aus einer der unzähligen Taschen seines Gewands und durchtrennte die Riemen von Konfrieds Rüstung. Jetzt, wo das schwere Metall weg war, konnte er schon viel besser atmen.

Stoff zerriss und ein kühler Luftzug strich über seine Brust, während der Arzt die Kleidung entfernte. »Rippenverletzungen«, stellte er leise fest. »Zwei, drei, vier …« Heißer Schmerzt flutete durch Konfrieds Körper und dieses Mal entfuhr ihm der befreiende Schrei.

»Drei geprellte Rippen, eine gebrochen«, sagte Palemo nur. »Ihr hattet Glück, mein König.«

Zuerst dachte Konfried, der alte Mann strich ihm führsorglich über den Kopf, doch tatsächlich schob er das braune Haar auseinander, um nach weiteren Kopfverletzungen zu suchen.

»Ich sehe keine Wunde.«

»Ein herunterfallendes Trümmerteil von einem Gebäude hat ihn erwischt«, sagte Elueb. »Aber er hatte seinen Helm auf. Das war während dieses Bebens.«

»Ah ja, das Beben. Und dieses seltsame Licht. Weiß man, was das war?« Palemos Stimme klang, als plauderte er über das Wetter, während er gleichzeitig Konfrieds Körper untersuchte.

»Nein. Vermutlich eine List der Rabenmarker. Oder ein Zauber der Thairesh.«

»Ich nehme an, Euer Angriff hatte keinen Erfolg?«

»Wie Ihr seht«, antwortete Elueb hörbar gereizt.

»Wer führt im Moment den Befehl?«

»Was meint Ihr?«

Er meint, dass unsere Feinde uns zurückgeschlagen haben, und nun ihrerseits zum Angriff übergehen könnten, antwortete Konfried in Gedanken. Doch seine Zunge weigerte sich, die Worte zu formen.

»Euer Angriff wurde abgewehrt. Sollte nicht jemand aufpassen, dass unsere Feinde nun nicht ihrerseits angreifen?«

»Die Graumäntel und einige andere Söldner decken unseren Rückzug. Daher auch das Feuer.«

Palemo ließ von Konfried ab, seufzte und sah dann Elueb an. »Dieses Beben hat sich angefühlt, als ginge die Welt unter«, erklärte er. »Ihr ahnt gar nicht, was hier zu Bruch gegangen ist. Oder vielleicht ahnt Ihr es doch, denn selbst von hier habe ich viele Gebäude in der Stadt einstürzen sehen. Sicher herrscht dort draußen gerade Chaos. Ein Chaos, dass der Feind hoffentlich nicht für sich nutzen kann.«

»Mein Platz ist bei meinem König.«

»Euer Platz, Statthalter Elueb«, unterbrach ihn eine andere, hohe, Stimme. »Ist in der Stadt und bei den Truppen, die diese Stadt verteidigen.«

Elueb starrte jemanden an, der außerhalb von Konfrieds Blickfeld stand.

»Der König ist hier sicher«, fügte die weibliche Stimme hinzu. »Doch nur, solange Ihr den Feind von hier fern haltet.«

»Sehr wohl Hohe Dame«, zischte Elueb. Er nickte Konfried noch einmal zu, dann ging davon.

»Wie geht es ihm?« Karyns Kopf erschien hinter Palemo. Sorgenvolle Augen betrachteten ihn.

Es tut mir leid, dachte Konfried, als er sich an ihr letztes Gespräch erinnerte. Es tut mir so leid!

Diese Frau trug ein Kind in sich, sein Kind. Doch er hatte sie fortgestoßen. Wegen eines jungen Mädchens, das ihn, als er es zu sich gerufen hatte, in seinem eigenen Thronsaal bloßgestellt hatte.

Karyn sprach seitdem kaum noch ein Wort mit ihm. Sicher hasste sie ihm – doch jetzt war sie hier.

»Eine Rippe ist gebrochen«, berichtete Meister Palemo. »Dazu Schnittverletzungen an Armen und Beinen. Sein rechter Unterarm ist ebenfalls gebrochen, fürchte ich.«

Gebrochen? Ich spüre nichts.

»Aber er sollte nichts spüren. Offenbar haben ihn herabfallende Trümmer am Kopf getroffen.«

»Am Kopf?«, fragte Karyn entsetzt.

»Es scheint nichts Ernstes zu sein, Hohe Frau. Seht, seine Augen folgen uns, er ist bei Bewusstsein, wenn auch nicht ansprechbar. Er wird starke Kopfschmerzen bekommen, doch dagegen werde ich ihm ein Mittel geben können. Wie stark seine geistigen Fähigkeiten beeinflusst sind, bleibt abzuwarten.«

»Wann wissen wir es?«

»Sobald er wieder zu sich kommt.«

Aber ich bin doch bei Bewusstsein!, protestierte Konfried. Ihr habt es selbst gesagt!

Dann holte Palemo ein kleines Fläschchen hervor, dessen Inhalt er ihm einflößte. Nur wenige Herzschläge später fiel der König in einen traumlosen Schlaf.

 

Das Klopfen in der Stille schnitt ihr Kichern so ruckartig ab, dass Dehoran erschrak. Doch es konnte ihn nicht dazu veranlassen, seine Lippen von dem zarten Hals zu lösen.

»Hast du das gehört?«, fragte sie flüsternd.

»Das kann warten«, gab er zurück.

Wie als Widerspruch klopfte es erneut an der Tür.

»Wir schlafen doch schon längst.«

»Man kann den Schein der Kerzen unter der Tür sehen«, gab sie zu bedenken. »Wenn jemand so spät noch stört, ist es gewiss dringend.«

»In dieser Burg bestimme ich, was dringend ist«, belehrte Dehoran sie. »Und ich sage, dies hier ist dringend.« Er nahm ihre zarten Finger und legte sie auf seinen Schritt. Sie wollte ihre Hand zurückziehen, doch er hielt sie fest, was sie erneut kichern ließ.

Es klopfte ein drittes Mal.

»Es kann warten«, widersprach er, noch ehe sie etwas sagen konnte. »Es gibt hier niemanden, der über mich befehlen könnte.«

»Aber Euer …« Sie verstummte, als es wieder klopfte, und dieses Mal war es drängender, geradezu fordernd.

Dehoran seufzte, unterdrückte einen Fluch und schlug die Decke zurück. Die Steinfliesen seines Schlafgemachs waren kalt, doch das störte ihn nicht. Wütend packte er seine Hose, zog sie an und ging mit weiten Schritten auf die Tür zu. Gerade, als es wieder klopfte, riss er sie auf. »Was ist?!«

Der Junge vor der Tür starrte ihn entsetzt an, machte dann einen ängstlichen Schritt zurück und verbeugte sich. Natürlich hatte Dehorans Auftreten ihn erschreckt, und dazu kam noch, dass sein Herr nur mit einer Hose bekleidet vor ihm stand.

»Verzeiht Herr …«

»Das überlege ich mir noch«, unterbrach Dehoran ihn. »Wieso störst du mich?«

»Eu… Euer Bruder …«, stammelte der Junge.

»Kannst du auch in ganzen Sätzen sprechen? Oder fallen dir die Worte einzeln aus dem Mund und ich darf sie dann zusammensetzen?«

»Ja, Manðerr. Äh, nein, Manðerr. Verzeiht, Manðerr.«

»Ja, das hatten wir schon. Wir waren jetzt bei dem Punkt, wo du mir sagst, warum du mich mitten in der Nacht störst.« Er sagte bewusst nicht ›weckst‹, denn geschlafen hatte er ja nicht. »Oder soll ich dich gleich aus dem Fenster werfen?«

Er blickte den Flur entlang, wo Torgil und Arrig, zwei seiner Leibwächter, in einiger Entfernung den Weg zu seinen Gemächern versperrten. Der Junge machte einen erneuten Schritt zurück, offenbar nahm er die Drohung todernst.

»Euer Bruder, Manðerr, wünscht, Euch in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Es sei dringend.«

»Sag meinem Bruder, dass ich ihm morgen zur Verfügung stehe.«

»Er sagt, es könne nicht warten, und ich soll Euch an den Wunsch Eures verehrten Herrn Vaters erinnern.«

Dehoran hatte sich schon wieder umgewandt, hielt nun jedoch inne. Er seufzte schwer. »Verdammter Mistkerl«, fluchte er leise, während er sich ein einfaches Hemd überzog. »Immer muss er die Vater-Karte ausspielen.«

Er zog sich seine bequemen Wildlederschuhe an und folgte dem jungen Diener, blieb auf der Schwelle aber nochmal stehen. Das Mädchen saß in seinem Bett und sah ihm nach, die Decke bis zum Kinn hochgezogen.

»Ich bin gleich wieder da«, versprach er zuckersüß. »Rühr dich nicht vom Fleck. Und fang nicht ohne mich an.« Er ließ die Tür zufallen, bemerkte aber noch, wie ihre Wangen rot wurden.

Wortlos folgte er dem Jungen durch die kalten Gänge der Burg, wobei dieser sich immer wieder umwandte. Entweder, um zu überprüfen, ob Dehoran noch immer hinter ihm war. Oder weil er fürchtete, doch noch erschlagen zu werden. Torgil und Arrig folgten ihnen in angemessenem Abstand.

Vor der Tür zu Morans Acceramit, die wiederum von zwei von dessen Leibwächtern flankiert wurde, blieb er stehen.

»Euer Bruder erwartet Euch«, sagte der Junge überflüssigerweise.

Dehoran öffnete die Tür und trat ein. Seine Leibwächter ließ er bei denen seines Bruders. Dass Moran ihn in seinem Acceramit empfing, ärgerte ihn. Denn dies war der Ort, an dem man sich zu vertraulichen Gesprächen mit Gesandten und Bittstellern traf – eine Art Empfangsraum und Schreibstube. Er aber war kein Gesandter, er war sein Bruder.

Im Acceramit brannten ein paar Kerzen auf eisernen Leuchtern und warfen zitternde Schatten über die Buchrücken in den Regalen und auf die beiden Ledersessel links, die an einem kleinen Tisch standen. Moran saß an seinem Schreibtisch und sah auf, als Dehoran eintrat.

»Kannst du nicht anklopfen?«, fragte er mit seiner leisen, weichen Stimme.

»Für heute wurde schon genug geklopft«, entgegnete Dehoran und schritt durch die Kammer.

»Ich hoffe, du hast dem Jungen keinen allzu großen Schrecken eingejagt.«

»Darauf würde ich mich nicht verlassen.«

»Er ist ein Neffe Ðerr Sithborns. Er bat mich, ihn in unsere Dienste zu nehmen. Du solltest ihn nicht so behandeln, wie du … wie du alle anderen behandelst.«

Dehoran gähnte demonstrativ.

Sein Bruder verzog keine Miene und deutete einladend auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Dehoran ließ sich stattdessen in den Sessel fallen, der mit dem Rücken zu seinem Bruder stand.

Dieser seufzte. »Ich will dir etwas zeigen«, erklärte er ungeduldig.

»Nur zu.«

»Benimm dich nicht wie ein Kind und komm her. Bitte.«

»Wie ein Kind? Du hast doch die Vater-Karte ausgespielt!«

»Ich wusste, dass du sonst nicht kommen würdest«, antwortete Moran mit einem hörbaren Lächeln.

Dehoran sprang auf und ging auf seinen Bruder zu, der ihm gelassen entgegensah.

Sie waren Brüder, doch unterschiedlicher konnten sie kaum sein. Dehoran war groß, schlank und muskulös und geschickt im Umgang mit dem Schwert, während Moran einen ganzen Kopf kleiner war, leicht übergewichtig und im Kampf so talentiert wie eine Scheibe alten Brotes. Nur das hellblonde Haar hatten sie gemein. Moran war dreizehn Monate jünger und hatte daher eigentlich keinen Anspruch auf die Regierung. Doch ihr Vater hatte in seinem Testament verkündet, dass sie sich die Herrschaft teilen und auch sonst stets zueinander halten sollten.

Dehoran ging hinter seinem Bruder vorbei und an das kleine Holzschränkchen. Daraus holte er ein teures Glas und eine Flasche Rhyfes hervor. Er goss sich ein, überprüfte die Bernsteinfärbung im Licht einer Kerze, und nippte dann an dem Getränk. Mit geschlossenen Augen und einem summenden Geräusch lobte er die Qualität und den Geschmack.

»Bist du dann soweit?«, fragte Moran. Und obwohl er ungeduldig wurde, behielt er noch immer seine Freundlichkeit bei. Die Angewohnheit, die Dehoran an ihm am meisten hasste.

»Also schön«, gab er nach.

Er stellte die Flasche zurück und beendete damit die Farce. Er neckte Moran gern mit diesem Verhalten, aber heute sprang dieser nicht darauf an. Es musste wirklich etwas Ernstes sein, wenn er ihn mitten in der Nacht zu sich rief.

»Was gibt es?«, fragte er und ließ sich nun auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen.

»Ich nehme an, du hast das Beben gemerkt?«

»Ach, das war ein Beben! Ich dachte, das wäre ich gewesen.«

»Scherze nicht darüber, Bruder. Morgen werden uns die Einwohner der Stadt von ihren Schäden berichten.«

»Dafür haben wir die Gutachter. Die müssen sich auch ihr Geld verdienen.«

Moran seufzte. »Wie dem auch sei. Ich war so frei und habe bereits Kundschafter ausgesandt, ich hoffe, du bist damit einverstanden?«, fragte er mit gespielter Verunsicherung.

Dehoran prostete ihm zu.

»Sie sind bereits zurückgekehrt.«

»Wieso hast du überhaupt Kundschafter ausgeschickt? Fürchtest du einen Angriff Melo Orkans?« Er lachte.

»Nein, es war eher so ein Gefühl. Das, und dieser Anblick.« Er deutete auf den Vorhang, den er vor dem Fenster zugezogen hatte.

»Was ist da?«, fragte Dehoran.

»Sieh hinaus.«

 Er stellte das Glas ab, trat an das Fenster und steckte den Kopf durch die Vorhänge, damit das Licht im Acceramit keine Spiegelung hervorrief. Draußen herrschte finsterste Nacht, nur ein paar Sterne blickten hier und da durch die Wolkendecke. Und am südlichen Horizont war ein schwacher Lichtschein zu sehen.

»Was ist das?«

»Feuer.«

»Feuer? Wie kann das sein, dort ist nichts.« Es sollte wirklich nichts sein, denn nur wenige Meilen südlich von Gnadenquell tat sich ein schwarzes Loch im Erdboden auf.

»Dort ist Wald. Und eine Stadt.«

Dehoran trat vom Fenster zurück und sah seinen Bruder an. »Eine Stadt?«

»Eine Stadt.«

»Du willst sagen, dass das Loch wie von Geisterhand gefüllt wurde?«

»Genau. Sieh hier, dies ist eine alte Karte von Thorika.«

Er betrachtete das Papier, das vor ihnen auf dem Schreibtisch lag. Gnadenquell war schnell gefunden, doch anstatt der schwarzen Löcher war das Land hier durchgängig.

»Wie alt genau ist diese Karte?«

»Zweitausend Jahre. Etwa.«

Dehoran nickte gedankenverloren. Dann nahm er noch einen Schluck. Er und sein Bruder hatten in ihrer Kindheit Geschichtsunterricht gehabt. Einst waren keine Löcher im Boden gewesen. Und das war jetzt wieder so.

Diese Tatsache war weitaus dramatischer, als sie sich anhörte, doch Dehoran wollte die Erkenntnis noch nicht zur Gänze zu sich durchlassen. Er stellte das Glas ab, nickte noch einmal und ging dann zur Tür.

»Wo willst du denn jetzt hin?«, fragte Moran überrascht.

»Ins Bett.«

»Ins Bett? Und was ist mit der Tatsache, dass das Loch plötzlich gefüllt ist?«

»Einen großen Braten isst man Bissen für Bissen, nicht als Ganzes. Außer du vielleicht, mein lieber Bruder.« Moran bedachte den Spott mit einer Grimasse. »Ich meinerseits schlafe erst einmal über diese Erkenntnis. Das Land ist auch noch morgen da. Und wenn nicht, wäre es jetzt noch überflüssiger, sich aufzuregen. Außerdem habe auch ich ein Loch zu füllen.«

Moran stöhnte, während Dehoran schon die Tür öffnete. »Ist sie wenigstens schon erwachsen?«, fragte er müde.

»Das will ich meinen«, lachte Dehoran.

»Aber noch Jungfrau, nehme ich an.«

»Ich habe doch einen Ruf zu verteidigen. Nicht umsonst nennen sie mich ›Blutfeder‹.«

»Sie nennen dich ›Blutfeder‹, weil du dein Schwert so schnell einsetzt, nicht wegen deines ›Speers‹.«

Dehoran hielt inne, als überraschte ihn diese Erkenntnis. »Reichlich verletzend, oder? Ich sollte daran arbeiten, dass dem Namen nicht mehr diese brutale Bedeutung anhaftet.«

»Weiß ihr Vater denn, dass sie hier ist?«, rief Moran ihm nach, doch die Tür war schon ins Schloss gefallen.

Das grelle Licht der Sonne blendete ihn durch seine geschlossenen Lider hindurch und riss ihn aus dem Schlaf. Seltsam war dabei nur, dass er sich nicht erinnern konnte, eingeschlafen zu sein. Und ganz sicher hatte er davor nichts getan, das diese pochenden Kopfschmerzen rechtfertigte.

Er öffnete blinzelnd die Augen. Über ihm öffnete sich der weite Himmel, nur eine Handvoll weißer Wolken zog eilig vorüber, als hätten sie etwas Dringendes vor.

Genau wie ich, erinnerte er sich.

Auch er hatte etwas vor. Ja, er war auf dem Weg gewesen, irgendwohin. Er kämpfte sich in eine sitzende Position hoch und ließ seinen Blick über die Umgebung streifen. Direkt vor ihm ragte dunkel und bedrohlich ein dichter Wald aus hohen, dünnen Laubbäumen auf und erstreckte sich gleich einer Mauer weit nach links und rechts, wo er das Ende einer Ebene aus wild wucherndem Gras bildete, das von grauen Steinen verschiedenster Größe unterbrochen wurde.

Der Wald, richtig. Jetzt erinnerte er sich. Man hatte ihm mehr und mehr Berichte über Überfälle der Banditen zugetragen, also hatte er beschlossen, es sich persönlich anzusehen. Er hatte Ðerr Bullweit, seinen Marschall, eine kleine Kriegertruppe zusammenstellen lassen und war noch am selben Tag von Rabenmark Wacht aus aufgebrochen.

Was war danach geschehen?

Wenn er sich jetzt hier umsah, entdeckte er weder Ðerr Bullweit noch einen der Männer, die ihn begleitet hatten. Er sah auch keine Anzeichen eines Kampfes, keine Leichen oder herumliegende Waffen oder Pfeile, die ihm Erdboden steckten. Der Boden war auch nicht aufgewühlt, wie er es nach einem Scharmützel gewesen wäre.

Prüfend betrachtete er seinen Körper. Die edle Rüstung aus poliertem Stahl war zwar mit Staub von der Reise bedeckt, wies jedoch keine Kampfschäden auf. Auch sein Schwert steckte noch unbenutzt in der Scheide und sein dunkelgrüner Umhang war völlig makellos.

Also haben wir unser Ziel gar nicht erst erreicht.

Das letzte, woran er sich erinnerte, war, dass der Wald in Sichtweite gekommen war. Ja, zuletzt erinnerte er sich daran, genau an diesem Ort gewesen zu sein.

Und dann? Was ist dann geschehen?

Es war später Vormittag, doch er wusste nicht, wann er das Bewusstsein verloren hatte. Und noch immer beschäftigte ihn die Frage, wo sein Pferd und sein Gefolge waren. Der Boden wies keinerlei Hufspuren auf. Es war wie verhext! Als wäre er einfach hier inmitten der Ebene aufgetaucht.

Er erhob sich, schüttelte und streckte seine steifen Glieder und sah sich dann erneut um, doch die Umgebung hatte sich nicht verändert.

Also muss ich etwas verändern, wurde ihm bewusst.

In den Wald zu gehen kam nicht infrage, er war hierhergekommen, um ein Banditennest auszulöschen und stand plötzlich allein da. Also wandte er sich nach Norden. Dort erhob sich eine kleine Festung auf einem sanften Hügel, nur wenige Stunden Fußmarsch entfernt. Dorthin machte er sich nun zu Fuß auf den Weg.

»Haus Goldlanze, die Herren von Schwarzschwinge.« Zumindest, wenn sie nicht zusammen mit seinem Gefolge verschwunden waren.

Das Haus Goldlanze war durch einen Eid an ihn gebunden und wachte über diesen Teil der Mark. Sie waren nicht annähernd so reich, wie ihr Name vermuten ließ, tatsächlich war die Lanze das einzig Goldene in dieser Festung, doch sie nagten auch nicht am Hungertuch. Ðerr Hyrold Goldlanze war ein seltsamer Mann. In jedem Augenblick seines Daseins strebte er nach Macht und Wohlstand für sein Haus. Er führte eine strenge Rechtsprechung und ließ seine Armee härter ausbilden als jeder andere Ðerr in Rabenmark. Jedes Jahr im Frühling ließ er frische Muttererde aus dem Uferstrich des Bina im Osten heranbringen, um seine Felder fruchtbarer zu machen. Man könnte meinen, Ðerr Goldlanze wollte selbst zum Herzog werden.

Gleichzeitig war er seinem Lehnsherren so treu ergeben, dass er jeden Hund verlogen aussehen ließ. Seine Vorstellung von Ehre verlangte von ihm, alles für seinen Herzog zu tun.

Ich wünschte, ich hätte mehr solche Gefolgsleute, dachte er wehmütig.

Der Wind pfiff über die Ebene und zwang ihn dazu, seinen Umhang fester um seinen Körper zu schlingen. Seine schwere Rüstung klapperte leise bei jedem Schritt und schon jetzt wurden ihm die Beine lahm. Er hatte Rabenmark Wacht zu Pferde verlassen, auf einen langen Fußmarsch war er nicht eingestellt. Nicht nur, dass solch eine Wanderung unter seiner Würde war. Wegen der schweren Rüstung sah er lächerlich aus! Es fühlte sich an, als hätte er seinen Geldbeutel in einem Schweinestall verloren, und kroch nun auf allen Vieren im Morast umher, um ihn wiederzufinden.

Auf seinem Weg nach Schwarzschwinge kam er an zwei Gehöften vorbei. Die Bauern und Diener auf den Feldern warfen ihm neugierige Blicke zu, fielen dann aber sofort auf die Knie, wenn er sie ansah. Er glaubte nicht, dass sie ihn erkannten, denn der einfache Mann war weit von jenen entfernt, die ihn beherrschten. Doch seine Rüstung verriet ihnen, dass er mindestens ein Ðerr, ein Adliger, war, und sie wussten, wie sie sich einem Adligen gegenüber zu verhalten hatten.

Die Stadttore von Schwarzschwinge standen offen, nur bewacht von zwei Soldaten, die sich auf ihre Speere stützten. An den Türmen hingen große Banner mit dem Wappen des Hauses Goldlanze, ein goldener Speer auf grünem Grund.

Die Wachen warfen ihm einen Blick zu, ignorierten ihn ansonsten jedoch. Der Herrscher in ihm wollte die beiden deswegen Tadeln und das Verhalten einfordern, das ihm gebührte, doch er ließ es bleiben. Offenbar erkannten ihn auch diese Wachen nicht und eine standesgemäße Behandlung wog nicht die peinliche Schande auf, die er auf sich laden würde, wenn sich diese Geschichte herumsprach.

Er war versucht, direkt zur Burg Schwarzschwinge weiterzugehen, die sich über der Stadt erhob. Dort konnte er sich von dem Marsch ausruhen – seine Füße schmerzten wie selten zuvor in seinem Leben – und am nächsten Tag würde er mit einer Garde aus Ðerr Goldlanzes Kriegern und einem Pferd aus den fürstlichen Ställen wieder nach Hause reiten können, um all den merkwürdigen Ereignissen auf den Grund zu gehen.

Doch er wollte nicht so lange warten. Das Erwachen auf der Wiese und das Verschwinden seines Marschalls und seines Gefolges beunruhigte ihn mehr, als er sich selbst gegenüber zugeben wollte. Er befürchtete, dass noch mehr hinter all dem steckte. Vielleicht war hier Magie am Werk und in eben diesem Moment wurde seine Burg belagert?

Als einzelner Mann würde er in diesem Fall nicht viel ausrichten können, doch mehr als alles andere wollte er Gewissheit.

Also ging er auf direktem Wege zu den Stallungen, die in einer Querstraße neben dem Stadttor lagen. Hier konnten Besucher der Stadt ihre Pferde abgeben, denn obwohl Pferde in den Städten nicht verboten waren, waren sie wegen ihres Drecks nicht gern gesehen. Und schneller voran kam man mit ihnen auch nicht, denn das Gedränge auf den Straßen war meist so dicht, dass ein massiger Pferdekörper nur hinderlich war.

Vor den Ställen fand er einen Jungen, der gerade die letzten Riemen eines Sattels festzog. Ohne zu zögern ging er auf ihn zu und griff nach den Zügeln. Der Junge war zu verwirrt, um etwas zu sagen, doch der Mann in der feinen Kleidung ein paar Schritte weiter war es nicht.

»He, was soll das?«

»Ich brauche dein Pferd«, entgegnete er ohne aufzublicken. »Nenne dem Jungen deinen Namen und wo ich dich finden kann und lasse diese Nachricht nach Rabenmark Wacht schicken. Sei gewiss, dass ich deine Hilfe mehr als angemessen belohnen werde.«

»Na sicher!«, rief der Mann aus und näherte sich ihm. Dabei zog er das Schwert drohend eine Handbreit aus der Scheide.

»Wage es nicht, die Hand gegen mich zu erheben!«

»Sonst was?« Der Mann stand nun direkt neben dem Pferd und sah ihn herausfordernd an.

Er holte aus und schlug ihm vom Rücken des Pferdes mit der Hand ins Gesicht. Er trug zu seiner Rüstung passende Stahlhandschuhe, sodass der Schlag den Mann zu Boden beförderte. Der Stalljunge stand daneben wie gelähmt.

Er sah, dass der Besitzer des Pferdes blutet; das hatte er aufgrund seines Verhaltens nur verdient. Dennoch riss er jetzt an den Zügeln und hielt in raschem Trab auf das Stadttor zu. Er wollte nicht noch länger aufgehalten werden. Im Nachhinein würde sich alles klären, doch jetzt hatte er keine Zeit für so etwas.

Hinter sich hörte er den Mann, dessen Pferd er geliehen hatte, brüllen und toben. Zweifellos würde er den Stalljungen nach den Wachen rufen lassen, doch der würde sie nicht schneller erreichen, als er selbst die Stadt verließ. Schwarzschwinge war eine enge, verwinkelte Stadt und die Straße, die er selbst nahm, war die direkteste zum Stadttor.

Dachte er zumindest.

Stattdessen wurde er am Tor von vier Soldaten empfangen, die ihm ihre Speere entgegenstreckten, als stellten sie sich einem Reiterangriff in der Schlacht. Der Stalljunge, der ihn irgendwie überholt hatte, stand etwas abseits und versuchte unbehaglich, sich im Schatten eines angrenzenden Hauses zu verstecken. Dahinter sah er eine winzige Gasse, die bei seinem letzten Besuch noch nicht hier gewesen war.

Rund um den Platz hatte sich eine neugierige Menschenmenge versammelt, und während er diese betrachtete, stellte er fest, dass nicht nur die Gasse nicht mit seiner Erinnerung überein stimmte. Auch die Häuser waren anders, neuer. Es war nicht so, dass Schwarzschwinge sich völlig verändert hätte, denn bisher hatte er es ja nicht einmal bemerkt. Doch es gab einige Unterschiede. Die Häuser waren anders, nicht wirklich neu, aber neuer als jene, an die er sich erinnerte. Hatte Ðerr Goldlanze die Stadt renovieren lassen? Zuzutrauen wäre es ihm, vielleicht hatte sein Streben nach Höherem ihn dazu veranlasst, eine schönere Stadt haben zu wollen, als die anderen Ðerr.

»Was geht hier vor?«, fragte er polternd. Natürlich kannte er die Antwort.

»Ihr seid verhaftet«, antwortete ein Mann, der aus einer Tür im Torbogen trat. Er trug die gleiche Rüstung wie die Wachen, dazu aber einen roten Umhang, der von einer goldenen Fibel gehalten wurde.

»Wer seid Ihr?«, verlangte er zu wissen. Dabei ließ er das Pferd einige Schritte zu Seite tänzeln, als eine der Wachen nach den Zügeln greifen wollte.

»Ihr seid nicht in der Position, Fragen zu stellen«, entgegnete der Wachhauptmann mit geradezu bemerkenswerter Frechheit. Vom einfachen Volk erwartete er nicht, erkannt zu werden, doch dieser Mann sollte ihn erkennen.

Das wird Konsequenzen für dich haben, Wachhauptmann, schwor er in Gedanken.

»Dieser Junge beschuldigt Euch des Diebstahls.«

»Was soll ich gestohlen haben?«, fragte er mit gespieltem Unwissen.

»Das Pferd unter Eurem Arsch!«

Von dieser Frechheit war er so überrascht, dass er nicht schnell genug reagierte, als die Wache erneut nach seinen Zügeln griff. Das Pferd warf den Kopf zurück, doch der Soldat hielt es fest.

»Ihr seid festgenommen, steigt ab«, forderte der Hauptmann.

»Ihr ungehobelter Idiot!«, polterte er. »Ihr habt mit gar nichts zu befehlen. Lasst mich ziehen!«

»Ihr mögt die Rüstung und den Titel eines Edelmannes haben, Manðerr, doch als Hauptmann der Stadtwache habe ich durchaus die Macht, Euch festzunehmen. Und genau das tue ich jetzt.«

»Ihr mögt Macht über einfache Edelleute haben, doch nicht über mich«, widersprach er und versuchte, die Hand des Wachmanns abzuschütteln. »Vor Euch, Hauptmann, steht Nabor aus dem Hause Fyrrn, Herzog von Rabenmark und König von Thorika!«

Einen Augenblick lang starrte ihn der Mann mit aufgerissenen Augen an.

Dann brach er in schallendes Gelächter aus. »Nicht nur ein Dieb, sondern auch noch ein Lügner!«, rief er lachend aus. »Und größenwahnsinnig dazu! Aber ich muss zugeben, dass Ihr Euch gut gehalten habt, für ein Alter von zweitausend Jahren.«

Jetzt war es Nabor, der verwirrt dreinblickte.

»Nehmt ihn fest, Männer«, befahl er Hauptmann. »In den Kerker mit ihm.«

Noch ehe er etwas unternehmen konnte, packte man seinen edlen Umhang und seinen Arm und riss ihn brutal aus dem Sattel, sodass er wie ein nasser Sack im Dreck landete. Er wollte aufstehen, doch ein harter Schlag ins Gesicht beförderte ihn erneut zu Boden. Dreck und Matsch drang in seinen Mund, dann riss man ihn hoch und schlug ihn erneut, um jede Gegenwehr zu unterdrücken. Zwei Soldaten packten ihn an den Armen und zerrten ihn hin zur Burg, wo eine dunkle, feuchte Kerkerzelle auf den König von Thorika wartete.

 

 

Isenth hatte Späher mit den schnellsten Pferden in alle Himmelsrichtungen aussenden lassen. Die ersten waren schon nach wenigen Stunden zurückgekehrt und brachten vor Aufregung kaum einen zusammenhängenden Satz heraus. Das gewaltige Beben hatte Álimos nahezu unversehrt gelassen, obwohl Hauptmann Mendo vorsichtshalber jedes Haus auf Schäden untersuchen ließ. Bisher waren es nur einige zerbrochene Teller und umgestürzte Regale. Isenth vermutete, dass der Zauber, der Álimos während der Spaltung geschützt hatte, auch dieses Unheil abgewendet hatte. Vielleicht war es aber auch schnödes Glück.

Fest stand nur, dass die Tiefelda versagt hatten. Die Welten waren ineinander gestürzt und wieder eins. Um das zu erkennen, hatte Isenth nur vor die Stadtmauern treten müssen. Dort, wo einst ein bodenloses Loch gähnte, fand er nun grünes Gras auf festem Boden vor.

Sie waren nicht vernichtet worden, doch das Chaos war unendlich.

Isenth blätterte hastig durch das alte Buch. Um ihn herum eilten die Bibliothekare durch die Endlose Bibliothek und suchten die richtigen Plätze für die Bücher, die aus den Regalen geschleudert worden waren. Der Weise Thandeol stand zwischen ihnen wie ein Schiffskapitän im Sturm und koordinierte die Arbeiten. Er allein schien den Überblick behalten zu haben.

Der Anführer der Tiefelda hatte derweil andere Sorgen, denn da die Welt fortbestand, lebten auch die Probleme weiter. Schlimmer noch, es taten sich neue auf.

Dort steht es! Die Kruken.

»›Die Stadt Kruk‹«, las er leise, »›liegt mitten zwischen der Kanaleth im Norden und der Ganarleth im Süden, die sich im Westen Eldodrims erstrecken, und ist auf weite Entfernung hin die größte Stadt in Hinblick auf Fläche und Einwohnerzahl. Kruk selbst besitzt keinerlei wichtige Ländereien, obwohl es das trockene, trostlose Gebiet zwischen Eldodrim, Artar, Dylios und Salaam beherrscht. Insbesondere die letzten beiden Reiche stritten oft um jene Stadt, zuletzt ging das Wüstenreich als Sieger hervor.

Im Laufe seines Bestehens ist Kruk zu einer der Hauptstädte des Handels geworden. Insbesondere die Ost-West-Linie ist auf sie angewiesen, denn hier trifft die Wüstenstraße auf die Alte Handelsstraße. Außerdem erhebt sich Kruk inmitten eines trockenen und leeren Landstriches, wo es einer Oase gleichkommt. Die gesamte Wirtschaft ist auf den Handel ausgerichtet, was seinen Bewohnern zu großem Wohlstand verhalf.‹«

Isenth blätterte weiter. Offensichtlich lebten in Kruk Wesen aller Rassen, selbst Thraks und Delmori gab es, doch bildeten die Menschen den größten Teil und stellten die meisten, wenn nicht alle Mitglieder im Rat.

»›Die Stadt wird durch einen Rat mit einem Ratsvorsitzenden geleitet. Kruk unterhält eine eigene, wenn auch kleine Armee und einen Orden Meuchelmörder, die ebenso hoch angesehen wie gefürchtet sind, und im Auftrag des Rates für Recht und Ordnung sorgen.

So regeln die Assassinen die Macht im Inneren, während Kruk seine außenpolitischen Ziele durch seine Position als Handelsmacht durchsetzt …‹«

Er blätterte eilig durch die vergilbten Seiten, bis er endlich zu den diplomatischen Beziehungen kam und den Satz fand, nach dem er gesucht hatte und von dem er gefürchtet hatte, dass er gar nicht existierte: ›Eldodrim und Kruk unterhalten bis zum heutigen Tage neutrale Beziehungen und haben ein Wirtschaftsabkommen.‹

»Wie ich höre, seid Ihr bereits bei der Arbeit.« Golodrim trat an den Tisch, wobei die Bibliothekare ihm eilig auswichen. Er gab den Blinden, dabei war Isenth sicher, dass er genau wusste, wo jeder einzelne von ihnen war.

»Es grenzt an ein Wunder, dass wir noch leben!«, brach es aus Isenth heraus.

»Das tut es allerdings. Jetzt sollten wir überlegen, wie wir dieses Glück ausnutzen.«

»Die Späher sind schon auf dem Weg, die ersten bereits zurückgekehrt. Es ist unglaublich, nicht nur sind beide Welten wieder vereint, sogar Kruk ist wieder aufgetaucht, nachdem es bei der Spaltung verschwand.«

»Ich erinnere mich. Doch dass Ihr Eure Männer in alle Himmelsrichtung aussenden könnt, bedeutet, dass unsere Feinde dasselbe vermögen.«

»Ihr habt recht. Uns sollte aber noch etwas Zeit bleiben, auch unser Feind muss sich an diese neuen Bedingungen gewöhnen. Und noch befindet er sich im Krieg mit Piodrim.«

»Ihr glaubt, Eleragh wusste nicht, was der Bruch des letzten Siegels bewirkt?«, fragte Golodrim. Er hatte sich mittlerweile zu ihm gesetzt.

»Denkt Ihr etwa, dass genau dies sein Plan war?«

»Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir es nicht riskieren können, von etwas anderem auszugehen. Es ist uns schon einmal teuer zu stehen gekommen, als wir annahmen, wir hätten noch Zeit.«

Isenth schwieg. Dagegen konnte er nichts einwenden, denn genau so war es. Wir haben versagt und nun muss ganz Eldodrim die Konsequenzen tragen. »Was schlagt Ihr vor?«

»Schickt Boten aus. Wir haben geglaubt, allein gegen die Thairesh bestehen zu können. Lernen wir aus unseren Fehlern.«

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