Unverkäufliche Leseprobe aus:

Kristofer Hellmann

C - Das Epiphänomen

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Epi|phä|no|men das; (griech.) Begleiterscheinung; Ereignis innerhalb eines Systems, das zwar kausal verursacht wurde, selbst aber keine kausale (Aus-) Wirkung auf das ursprüngliche System hat.

Am Anfang war es nur ein Witz. Hast du mal Feuer?, fragten die Menschen einander, die Zigarette zwischen den Fingern wie ein Polizist seine Marke. Eine stumme Erklärung, ein universelles Zeichen, das keiner weiteren Worte bedarf. Wenn der andere bejahte und sein Feuerzeug herausholte, wich der erste einen Schritt zurück.

Bleib bloß zwei Meter auf Abstand!

Ein Lächeln auf den Lippen, ehe er seine Zigarette entzünden ließ: Dann lass ich mich mal anstecken – äh, mir eine anstecken.

Als das Pyrophor-Virus sich ausbreitete, vermehrten sich auch die Scherze und Wortspielereien.

Der hat Feuer, sagte man mit mehrdeutiger Stimmlage, wenn irgendwo jemand nieste. Oder: Mir wird schon ganz warm, wenn es einen selbst in der Nase kitzelte.

Die Witze hielten noch an, als die Regierungen und Firmen die ersten Schutzmaßnahmen ergriffen. Sie waren jedoch erst die zweiten, die reagierten. Denn die Menschen begannen schon vorher, sich mit Vorräten einzudecken, als befürchteten sie das Nahen der Apokalypse. Und selbst dann noch setzten sich die Scherze fort. Wintervorräte nannten die Hamsterer den Inhalt ihrer Einkaufswagen. Sogar sie wagten es nicht, sich ihre Angst einzugestehen. Und noch immer fragte man einander, ob man Feuer habe. Auch die Kinder machten diese Scherze, während sie gelangweilt durch die Parks streunten, nachdem man die Schulen geschlossen hatte.

Nur vorübergehend, sagten sie. Eine reine Vorsichtsmaßnahme.

C erinnerte sich jeden Morgen an diese Scherze, sobald er erwachte. Er öffnete die Augen und sie waren da, gleich dem Ziffernblatt eines Weckers, wie ihn die Leute früher benutzt hatten.

Er lag auf der dünnen Matte aus Plastikschaum, erhob sich und las die Worte: Es muss brennen!

Das Plakat war ausgeblichen und bei dem Versuch, es von der Wand zu reißen, zerfetzt worden. Nur diese drei Worte waren noch lesbar. Es muss brennen. Ganz unten war noch ein Rest des Logos zu erahnen, die Stellen dazwischen, die noch an der Betonwand klebten, zeigten Teile eines menschlichen Körpers. Aufgepumpte Muskeln, die Gewichte stemmten, schweißbedeckte Haut. Das Gesicht des Mannes war verschwunden, ausgelöscht wie die Inschrift in einem geplünderten Pharaonengrab.

Es muss brennen. C schlief unter der Werbung für ein Produkt, das nicht mehr existierte, hergestellt von einer Firma, die es nicht mehr gab.

Er nahm seine Jacke, die über dem Griff eines Crosstrainers hing, und stieg in seine Stiefel. Seine Waffe lag griffbereit auf der Liegefläche einer Hantelbank. Er steckte sie in seinen Hosenbund. Als er die Hand nach dem Bündel daneben ausstreckte, zögerte er. Ein fleckiges Tuch umschloss eine zweite Pistole, eine alte 38er, und vier Patronen. Wie ein zerbrechliches Artefakt ließ er alles in seine Jackentasche gleiten. Zusammen mit der Erinnerung an etwas, das er vergessen wollte.

Der Staub lag dick auf den Sportgeräten, die im Dämmerlicht der Kellerfenster wie Gerippe verstorbener Kreaturen aussahen. Fremdartige Wesen, die einst diese Welt bevölkert hatten, jetzt aber ausgestorben waren.

Das Entgegennehmen des Anrufs als Gedanken zu bezeichnen, wäre falsch. Es war so wenig ein Gedanke, wie das Lösen einer langen Rechnung für einen Computer Arbeit war. Als diese Technologie entwickelt wurde, nannten die Programmierer und Fachleute es executing, die Laien linkisch executen. Oder schlicht den Ecu ausführen. Der Zugriff auf ein Programm, wie ein Computer es tat. Natürlich nannten manche es trotzdem weiter denken. Einigen Menschen kam der Zugriff auf ein Ecu einem Gedanken wohl am nächsten.

C sagte nur: Ja?

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war ihm vertrauter als seine eigene. Es war eine Frauenstimme. In all den Jahrzehnten hatte er nie ihr Gesicht gesehen. Er wusste nicht einmal, ob sie wirklich existierte oder nur ein Programm war, eine digitale Ansage, die einen übermittelten Text verlas.

Es gibt einen Auftrag, sagte Olana. Ich schicke dir den Lieferschein auf deine Card. Rupert ist bereits auf dem Weg zu dir.

Okay, sagte C.

 

Die Gewichte des Fitnessstudios stapelten sich auf einem Rollwagen, dessen linkes Vorderrad abgebrochen und schon vor Ewigkeiten verschwunden war. C hatte die anderen Räder mit Backsteinen blockiert, die er jetzt wegnahm und auf den Wagen legte. Mit einer Hand zog er ihn von der Tür weg, ein Kreischen ertönte, als die Ecke über den Boten schleifte. Er stemmte den Riegel in Form einer Eisenstange hoch und stellte ihn ebenfalls an die Seite. Dann verließ er den Raum mit den Sportgeräten.

In dem Flur dahinter stand die Luft und Staubflocken tanzten durch das Dämmerlicht. Es roch nach altem Schimmel. C passierte die herausgebrochene Tür zu den Umkleideräumen und kam in den Eingangsraum mit dem Empfangstresen. Von dem Computer, der einst hier gestanden hatte, waren nur noch die Kabel übrig. Auch hier hing das Plakat an der Wand: Es muss brennen! Auf den Fetzen war jetzt zu erkennen, dass es Werbung für einen Energydrink war. Tabascogeschmack.

C verließ die Kellerräume durch die Eingangstür. Zu seiner Rechten führten eine Treppe und eine Rampe nach oben auf den Bürgersteig. Ein Geländer – jetzt verbogen und rostig – sollte verhindern, dass jemand hier herunterfiel. Es war Nachmittag, aber schwere Wolken verdeckten die Sonne, als dämmerte es bereits. Ein frischer Wind blies durch die Straßen und ließ irgendwo eine Tür in ihren Angeln quietschen.

Über C an dem Geländer regte sich etwas. Dort stand ein Mann angelehnt und blickte auf ihn hinunter. Er war kleiner als C und trug wie er robuste, einfache Kleidung. Das Hemd spannte sich über einen zunehmenden Bauchansatz.

Hast du etwa den ganzen Tag in der Muckibude verbracht?, fragte Rupert mit gespielter Überraschung.

Den Scherz bringst du jedes Mal, entgegnete C.

Und das werde ich auch weiterhin tun. Bis du lachst oder einer von uns beiden draufgeht.

Wir wissen beide, was als erstes eintreten wird.

C stieg die Treppe hinauf. Die Straße mochte man als leblos bezeichnen, aber sein Ecu verriet ihm, dass das genau genommen nicht stimmte. Das Unkraut, das sich zwischen die Betonplatten des Gehwegs schob und durch Löcher im Asphalt brach, die Geräusche von Ratten und wilden Katzen in den Seitengassen. Auch das war Leben. Aber nicht die Art Leben, die zählte.

Willst du nicht abschließen?, fragte Rupert.

Da drinnen ist nichts, das zu stehlen sich lohnt. Oder das ich vermissen würde.

Ach? Hast du das auch den Kerlen hinter dem Gebäude gesagt? Du weißt, dass die Müllcontainer nicht mehr geleert werden?

In den Containern liegen keine Leichen, klärte C ihn auf. Nur Teile davon.

Rupert machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem Räuspern und einem Lachen lag, und trat zu ihm.

Olana hat dich schon angerufen?

Es gibt einen Call.

Richtig.

Supply oder Privatversand?

Privatversand diesmal. Die Sendung muss in Siedlung Sieben abgeholt werden. Das ist die in der Oppenheimer.

Die Adresse ließ C stutzen, aber nur für einen Moment. Die Oppenheimerallee gehörte nicht zu ihrem gewöhnlichen Lieferbezirk. Es war ungewöhnlich, dass die Agentur ihn und Rupert darauf ansetzte. Eine Abweichung vom System.

Sie machten sich auf den Weg, als Rupert noch einmal fragte: Brauchst du noch irgendetwas? Frühstück?

Nein, danke.

Vielleicht hätte C über seine Scherze Lächeln sollen. Aber er fand keinen Grund dazu.

Der schnellste Weg von seinem Unterschlupf zur Oppenheimer führte durch einige Nebenstraßen, die zwar nicht als Gassen zu bezeichnen waren, aber auch nicht so breit waren wie die Hauptverkehrswege der Stadt. Für den Transport machte das keinen Unterschied, denn die Kurierdienste und Versanddienstleister waren schon längst nicht mehr in Autos und Transportern unterwegs. Obwohl es genügend Fahrzeuge gab: C und Rupert passierten zahllosen von ihnen, die vergessen am Straßenrand standen. Einige waren ausgebrannt, von anderen hatte man die Reifen gestohlen, die Fensterscheiben eingeschlagen und die Polster herausgerissen. Aber die meisten standen einfach nur da wie ein Hund, den jemand am Straßenrand ausgesetzt hatte. Und der noch immer ratlos und ahnungslos auf die Rückkehr seines Herrchens wartete.

Die Fahrzeuge waren nutzlos, denn ohne Treibstoff konnten sie nicht fahren.

Nein, nicht nutzlos, dachte C, als sein LD-Ecu ihn auf eine Lebensform hinwies. Es war ein Mensch, drahtig und mit wirrem Haar, der sich auf den Rücksitz einer Limousine kauerte. Dank der life detection – der Lebenserkennung – konnte C die Umrisse auch durch das Metall sehen, wenn auch etwas unscharf. Mit einem Nicken machte er Rupert auf den Fremden aufmerksam.

Hm? Ein Scrawler?

Ja.

Bewaffnet?

C sah genauer hin, die Hände konnte er dennoch nicht erkennen. Der Puls des Scrawlers ging schnell.

Ich denke nicht. Er hat Angst.

Gut. Lassen wir ihn.

Sie waren noch keinen Straßenblock entfernt, als hinter ihnen lautes Klappern erklang. Die beiden Supplier drehten sich um und sahen den Scrawler eilig in einer Seitengasse verschwinden. Er wollte sein Glück wohl nicht herausfordern und suchte sich ein neues Versteck.

Durch die Park?, fragte Rupert, als sie an eine Kreuzung gelangten. Oder rechts lang?

C ging nicht darauf ein, sondern bog ab. Er tat so, als würde er nicht hören, wie Rupert ihn scherzhaft einen Feigling nannte. Sein Partner wusste so gut wie er selbst, dass durch die Parkstraße zu gehen einem entweder das Leben oder viele Kugeln kostete. In den angrenzenden Grünanlagen hatten sich die Mechas niedergelassen und das ganze Areal in eine Festung aus Blech und Stacheldraht verwandelt. Damit kontrollierten sie alles in Schussweite.

Erzähl mir etwas über die Lieferung, bat er. Der Lieferschein gibt nicht viel her.

Was soll ich sagen, ich weiß so viel wie du. Privatversand, Einzellieferung. Abholung in Siedlung Sieben, das Ziel erfahren wir dann.

Das war nicht ungewöhnlich. Die Siedlungen und die Türme der Horder waren Festungen, sichere Inseln oder Felsen in einem stürmischen Meer aus Unruhe und Gewalt. Die Supplier – Kurier- und Lieferdienste – bildeten die Verbindung zwischen den Hochhäusern. Sie waren die einzigen, die freiwillig durch die Straßen zogen, um Waren oder Personen von einem Ort zum anderen zu eskortieren oder die Lieferungen an Lebensmitteln und allem anderen zuzustellen.

Überfälle waren allerdings nicht die einzige Gefahr in der Stadt. Daher war es normal, dass ein Supplier das Ziel seiner Lieferung erst bei der Abholung erfuhr. Sollten Rupert und C auf dem Weg dorthin überfallen werden, konnten sie nur begrenztes Wissen ausplaudern.

Warum wir?

Was?, fragte Rupert. Er hatte gerade einen kleinen Hof zu ihrer Rechten beobachtet, wo einige Müllcontainer nah beieinander standen. Ein Geräusch hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Nur eine Katze, wie C wusste.

Warum wir? Das ist nicht unser Gebiet.

Die Agency schickt, wen sie will.

Das ist eine Abweichung von der Norm.

Abweichung von der Norm! Bei der Mauer, C, du klingst schon wie ein verdammter Roboter!

Ich …

Er bemerkte den Luftzug, doch da war es bereits zu spät. Noch ehe C oder Rupert reagieren konnten, prallte etwas direkt vor ihnen auf die Straße und zerbarst in einem Hagel aus Funken und Splittern. Rupert schrie auf, als er wie C von den Beinen gerissen wurde. Dem Kurier blieb sein eigener Schrei um Halse stecken. Sein Kopf schlug auf den Asphalt, der vom Frost des letzten Winters tiefe Risse bekommen hatte.

Für einen Moment war er betäubt. Rote Meldungen leuchteten vor seinen Augen auf und warnten ihn vor einer vorübergehenden Fehlfunktion seiner Sensoren. Mit anderen Worten: Er war verwirrt. Aber nur für einen Moment, dann erholten sich die Systeme.

Scheiße, was war das?!, hörte er Rupert brüllen.

C kämpfte sich auf die Beine. Jemand hatte ein Autowrack aus dem Parkdeck rechts auf die Straße fallen lassen, direkt vor ihre Füße. Die Maschine sah aus, als wäre sie aus zerknülltem Papier gefertigt, nicht aus Aluminium und Stahl.

Sein LD-Ecu sprang an, zeigte ihm aber nur Fetzen aus rotem Licht, die etwa einhundert Meter hinter dem Autowrack tanzten.

Eine Falle, erklärte er seinem Partner. Tarnsysteme, deswegen wurde ich nicht gewarnt.

Großartig! Spielen wir Ich-sehe-was-das-du-nicht-siehst?

Rupert deutete geradeaus. Jetzt, wo der Staub sich legte, sah C es auch. Die Tarnsysteme der Wegelagerer bestanden aus einfachen Übermänteln aus Metallplatten und Magneten. Genug, um ein Life-Detection-System zu verwirren, aber nutzlos gegen gewöhnliche Augen.

Na na!, warnte einer der Scrawler, als Rupert und C nach ihren Waffen griffen. Lasst die Hände schön da, wo wir sie sehen können!

Fünf Männer kamen auf sie zu, drei hielten Gewehre im Anschlag. Aber das bedeutete nicht, dass nicht noch irgendwo ein Heckenschütze lauern konnte. Das hing ganz davon ab, wie gut diese Bande organisiert war. Waren es nur Scrawler oder Ganger, die Nachfolger krimineller Banden?

Seht mal, Jungs! Kuriere!

Der Wortführer sprang auf das zerbeulte Fahrzeug und zog eine Pistole. Mit einer Bewegung des glänzenden Laufs deutete er auf Rupert.

Was hast du da drin, Kumpel?

Rupert blickte über die Schulter, als ob er seinen Rucksack zum ersten Mal sah.

Da drin? Lass mal sehen …

Er nahm den Beutel ab und zog die Bänder auf. Klackend wurden mehrere Waffenhähne zurückgezogen. Rupert sah hoch und verlangsamte seine Bewegungen. Mit spitzen Fingern vergrößerte er die Öffnung.

Oh, das ist gutes Zeug!, stellte er fest. Ich habe hier drei, nein vier Dosen voll mit Das-geht-dich-einen-Scheiß-an.

Der Anführer der Wegelagerer hob seine 44er und zielte auf Ruperts Kopf. Was hast du da gesagt, Arschloch?

Von uns beiden bist du das Arschloch, Penner. Wenn ihr Kuriere überfallen wollt, solltet ihr warten, bis sie auf dem Rückweg sind! Wir haben noch gar nichts bei uns, ihr Leuchtbirnen!

Scheiße, du …

C bewegte nur den Fuß, was der Rest der Bande, der hinter dem Auto stand, nicht sehen konnte. Es reichte, um eine Metallscherbe des Autos wegzutreten, sodass sie mit einem Knall gegen das Wrack donnerte. Die Wegelagerer zuckten zusammen, ebenso wie die beiden Kuriere – die aber nur, um endlich ihre Waffen aus ihren Gürteln zu ziehen.

Schüsse durchbrachen die Luft und Kugeln pfiffen. Es klopfte metallisch, als die Projektile sich in das Auto bohrten. Ein Geräusch fast wie das kurze Aufheulen einer Sirene erklang, wenn ein Querschläger vom Asphalt abprallte. Rupert und C hasteten geduckt in die nächste Seitengasse, mehr oder weniger blind in Richtung ihrer Feinde schießend. Die erwiderten das Feuer ebenso ungezielt. Als die Kuriere hinter einer Hausecke in Deckung gingen, war die Luft noch immer schwer von Blei. Putz und Beton prasselten zu Boden. Kleine Splitter fegten an Cs Kopf vorbei, wenn eine Kugel zu nah an der Ecke einschlug.

Dämliche Mistkerle, fluchte Rupert, während er nachlud. Was glauben die denn, das wir bei uns haben? Gold? Jungfrauen?

Auf jeden Fall etwas, das all die Kugeln wert ist. Oder du hast einfach nur seine Gefühle verletzt.

C rammte ein neues Magazin in seine Waffe und wartete. Kugeln waren billig in der Stadt, wenn man die richtigen Leute kannte. Von irgendwoher kam immer Nachschub. Aber ein Kurier hatte eine Lieferung zuzustellen. Da blieb keine Zeit für einen Umweg nach Saint Influencia.

Das Feuer verstummte für einige Sekunden, dann setzte es wieder ein. C spähte um die Ecke, soweit er es wagte, um sicherzugehen, dass ihnen keiner der Angreifer zu nahe kam. Hin und wieder schoss er blind die Straße hinunter, um sie auf Abstand zu halten. Beschimpfungen und Drohungen wurden ihnen entgegengeschleudert.

Wie sieht es mit einer Ausweichroute aus?, fragte er Rupert.

Nicht besonders gut.

Er warf einen Blick die Gasse hinunter. Zwischen Bergen von Abfall, alten Müllbeuteln und umgestürzten Tonnen sah er einen alten Bretterzaun, über zwei Meter hoch, der die Gasse nach kaum zwanzig Metern abtrennte. Zwei Lagen Stacheldraht krönten die Barrikade.

Gebt mir Deckung!, hörte er einen der Scrawler rufen und sofort setzte Dauerfeuer ein. Ein Regen aus Mauerbrocken prasselte in die Gasse. C hörte Schritte auf dem Asphalt.

Was jetzt?, fragte Rupert.

Ich verschaffe uns einen Fluchtweg.

Er löste sich von der Mauer und trat in die Mitte der Gasse. Sofort nahm sein Partner seinen Platz an der Ecke ein. Er spähte auf die Straße hinaus, musste sich aber gleich wieder zurückziehen, als ein Kugelhagel die Ecke eindeckte.

Verflucht, weißt du, wer da hinten steht?

Ein Haufen Scrawler mit Gewehren, antwortete C.

Und dazu der Scheißkerl aus dem Autowrack. Die Made war ein Späher! Komm her, du Dreckshaufen!

Rupert presste sich an die Ecke, feuerte einige Male die Straße hinunter und ging wieder in Deckung. Keinen Herzschlag zu spät.

Hast du ihn erwischt?, fragte C wenig interessiert. Er musterte den Bretterzaun, die Gasse davor und den Stacheldraht darüber. Der Zaun war aus dicken Eichenbrettern gefertigt, nur deshalb stand er nach all den Jahren ohne Pflege oder Ausbesserungen noch.

Und wenn ich ja sage?

Würde ich dich beglückwünschen.

Wolltest du uns nicht einen Fluchtweg verschaffen?

Ich bin dabei.

C trat zwei Schritte zurück, um mehr Anlauf nehmen zu können, und rannte los. Offenbar hatte er einen Schritt zu viel getan, denn sofort hörte er Kugeln mit schrillem Pfeifen an sich vorbeirauschen. Seine Füße fanden sicher den Weg durch den Abfall. Die Holzwand kam stetig näher.

C feuerte. Die Kugeln hämmerten gegen das Holz und prallten daran ab wie an einer Metallwand. Er zielte aber auch gar nicht auf die Bretter. Sondern auf die Befestigungen an den Seiten, wo der Zaun in den Wänden verankert war. Das Holz war steinhart. Der Beton aber – ironischerweise – bröckelig und spröde. C hoffte nur, dass er spröde genug war. Er holte Luft und spannte seine Muskeln an. Als er noch zwei Schritte entfernt war, sprang er.

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